Wenn Mamas Augen ganz plötzlich ungläubig den eigenen Nachwuchs anschauen, ihre Wangen sich verschämt röten und das Zwerchfell sich für einen Lachanfall bereit macht, dann hat es wohl gerade eine ganz besondere Frage gestellt. Nämlich eine, die nach Aufklärung verlangt – und das im zarten Alter von vielleicht gerade mal drei oder vier Jahren.

Der kleine Unterschied

Schon die Kleinsten fangen irgendwann an, ihre Eltern mit unerwarteten Fragen zu löchern. Dabei kann der Auslöser eine Bemerkung im Kindergarten gewesen sein, das Spiel mit der Nachbarstochter oder dem Nachbarjungen, die Ankündigung, ein Geschwisterchen zu bekommen, oder auch die einfache Erkenntnis, dass Mama und Papa irgendwie ganz verschieden sind.

Auch wenn viele Eltern von diesen Fragen überrascht werden, so sind sie dennoch ganz normal – und für die kindliche Entwicklung äußerst wichtig. Dementsprechend wichtig ist es auch, die Fragen erst zu nehmen und vor allem, sie auch zu beantworten. Und zwar kindgerecht!

Aufklärung hat kein Mindestalter

Für alle Fragen der Kleinsten gilt: Jedes Kind, das alt genug ist, um eine Frage zu stellen, ist auch alt genug, um darauf eine Antwort zu bekommen. Und diese sollte vor allem altersgerecht formuliert sein.

Die wichtigste Regel dabei lautet: Je jünger das Kind ist, desto kürzer sollte die Antwort sein. Denn Klein-, Kindergarten- oder Vorschulkinder möchten zumeist nur den Zusammenhang verstehen können. Sie brauchen nicht alle einzelnen Details.

Ob Ihre Antwort zu kurz oder zu schwammig ausgefallen ist, werden Sie so oder so ganz schnell an der Reaktion Ihres Sprösslings merken. Denn hat ihm oder ihr die Antwort nicht ausgereicht oder vielleicht sogar sein Interesse noch weiter geweckt, wird es Sie von ganz alleine mit weiteren Fragen löchern.

Freuen Sie sich, dass Ihr Kind jetzt schon so aufgeweckt und neugierig ist. Denn je jünger das Kind ist, desto einfacher ist auch das Aufklärungsgespräch – oder zumindest das Vorwort dazu.

Aufklärung braucht keine ruhige Minute

Sobald Ihr Kind Ihnen eine Frage stellt, sollten Sie diese beantworten. Denn die kindliche Neugier möchte befriedigt werden – am liebsten immer und sofort.

Dementsprechend sollten Sie gerade die Antwort auf Aufklärungsfragen nicht verschieben, um sich – was Ihnen vielleicht mehr behagt – in einer ruhigen Minute mit Ihrem Kind zusammenzusetzen. Denn für Ihr Kind ist genau das definitiv die falsche Lösung.

Denn zum einen geben Sie dem Thema Sexualität damit ein Gewicht, was es überhaupt nicht bekommen sollte, zum anderen erwecken Sie bei Ihrem Kind die Scheu, dass Sie seine Fragen nicht beantworten möchten oder nicht beantworten können, so dass es weitere Fragen – vor allem zu diesem Thema – eventuell nicht mehr unbefangen stellt. Zumindest nicht Ihnen!

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Auch Doktorspiele gehören zur Aufklärung

Manchen Eltern sind sie immer noch suspekt: die Doktorspiele. Dennoch sind auch diese für Kinder sehr wichtig und vor allem das Zeichen einer gesunden psychosexuellen Entwicklung.

Meistens beginnt die Faszination für die Erkundung des anderen Geschlechts im Kindergarten- oder Vorschulalter. Hier geht es vor allem darum, den Körper anderer Kinder zu entdecken. Denn gerade innerhalb dieser infantilen Sexualität kann “der kleine Unterschied“, der sonst unsichtbar unter der Kleidung verborgen ist, im Spiel entdeckt und ausgiebig erkundet werden.

Deshalb sollten Eltern, auch wenn ihnen die Vorstellung nicht ganz geheuer ist, diese Art der kindlichen Entdeckung respektieren und sie ihrem Kind vor allem nicht verbieten.

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Denn gerade die Doktorspiele mit Gleichaltrigen bewirken, der naturgegebenen kindlichen Scheu vor Sexualität unbefangen mit Gleichgesinnten zu begegnen.

Auch der eigene Körper hat ein Recht auf Aufklärung

Das sachliche Interesse am eigenen Körper beginnt bei Kindern zumeist im Grundschulalter.  Sachliches Interesse verlangt nach sachlichen Antworten. Spätestens bis dahin – Stichtag Einschulung – sollten Kinder dementsprechend auch die genauen Namen der geschlechtsspezifischen Körperteile kennen.

Auch wenn in vielen Familien Kosenamen verwendet werden, die das Sprechen über Sexualität und geschlechtliche Unterschiede erleichtern sollen, sollte jeder Junge wissen, dass sein “Piepmatz“, sein “Pippimann“ oder sein “Vögelchen“ eigentlich ein Penis ist, genauso wie jedes Mädchen wissen sollte, dass die “Mumu“, die “Lulu“ oder auch das “Blümchen“ nur liebevolle Bezeichnungen für seine Vagina sind.

Ebenfalls sollten Kinder mit Eintritt in die Grundschule dahingehend aufgeklärt sein, wie Kinder gezeugt und auf die Welt gebracht werden – und eben nicht mehr an den Geheimnis umwobenen Klapperstorch glauben, der mit einem rosaroten oder hellblauen Bündel im Schnabel den Dachkamin ansteuert und das bestellte Baby abliefert.

Aufklärung braucht nicht nur Fingerspitzengefühl

Gerade für die Kleinsten sollte das Thema Aufklärung ganz viel mit Gefühl zu tun haben. Denn auch Sie möchten bestimmt nicht, dass Ihr Kind annimmt, dass Erwachsene nur Sex haben, um Babys zu bekommen.

Zur Aufklärung gehört dementsprechend auch die Vermittlung oder zumindest das Erklären von Gefühlen und Gedanken wie Liebe und Zärtlichkeit, Spaß und Zweisamkeit, Vertrauen und Sinnlichkeit.

Denn gerade dadurch wird Ihr Kind schon früh verstehen, dass Sexualität etwas Besonderes ist, etwas liebevolles, was man nur mit jemandem teilen möchte, der einem unendlich viel bedeutet.

Manchmal muss man der Aufklärung ein wenig auf die Sprünge helfen

Schon die Jüngsten schnappen gerade aus ihrem Umfeld eine Menge Informationen über Sexualität auf. Manchmal nur Fetzen, die sie noch nicht verstehen, aber mühevoll aneinanderketten, um an das dahinter liegende Geheimnis zu kommen. Das jedoch funktioniert meistens nicht. Im Gegenteil: Diese Informationsfetzen lassen in der kindlichen Vorstellung oftmals ein abstruses Abbild von Sexualität entstehen.

Deshalb sollten Sie als Elternteil ab und an versuchen, herauszufinden, was Ihr Kind schon weiß und gegebenenfalls falsche Vorstellungen mit ihren Antworten und Erklärungen wieder ins richtige Licht rücken.

Fragt Ihr Kind gar nicht, oder haben Sie das Gefühl, dass es kurz vor seiner Einschulung das Thema Sexualität wenig, wenn nicht sogar gar nicht berührt hat, sollten Sie die Initiative ergreifen und ein Aufklärungsgespräch führen. Natürlich nicht als strenge Lektion, sondern mit den Mitteln, die Ihnen zur Verfügung stehen, um der Neugier Ihres Kindes ein wenig auf die Sprünge zu helfen.

Dafür können Sie zum Beispiel gemeinsam ein Bilderbuch zum Thema lesen oder auch einfach Bücher, Bilder oder bestimmte Zeitschriftenartikel offen liegen lassen, mit denen das kindliche Interesse geweckt wird. Das kann zum Beispiel auch die Werbung für ein Folgemilchpräparat sein, die eine stillende Mutter zeigt. Natürlich immer in der Hoffnung, dass Ihr Kind sich dann auch traut, Ihnen die richtigen Fragen zu stellen.

Oder aber, Sie kuscheln sich mit Ihrem Kind gemütlich in einen Sessel und sehen sich sein Fotoalbum an – natürlich angefangen bei Ihrer Schwangerschaft über die Geburt bis zu dem Alter, in dem Ihr Kind jetzt gerade ist. Beim gemeinsamen Blättern ergeben sich bestimmt genügend Möglichkeiten, um das Thema Aufklärung in seinen Grundzügen mit einzustreuen. Und das ganz unaufdringlich und spannend, da es ja die Geschichte Ihres kleinen Nachwuchses ist, die sie da erzählen.

Und nicht vergessen: Aufklärung macht, wenn man es richtig anpackt, den meisten Kindern Spaß. Zumindest, so lange sie noch klein sind. Später werden Sie diese Zeiten ganz bestimmt noch etliche Male vermissen!