Es ist suspekt, aber es gibt sie: Die Männer, die in der Tat nur ein wenig weniger schwanger sind als ihre Partnerin. Diese Männer simulieren Heißhunger-Attacken nicht, um sich endlich mal nach Herzenslust den Bauch voll schlagen zu können, sie haben sie tatsächlich. Mehrfach am Tag, aber auch in der Nacht. Dann plündern sie den Kühlschrank oder stehen um 4:00 h in der Früh am Herd, um sich genau das zurechtzuköcheln oder zu brutzeln, was ihr Herz gerade begehrt. Kein Wunder, dass ihr Bauch parallel zur Schwangerschaft ihrer Partnerin mitwächst – wenn auch aus ganz anderen Gründen.

Wie aber kommt es, dass auch Männer sich schwanger fühlen? Und zwar mit allem Drum und Dran: angefangen bei den Heißhunger-Attacken über die morgendliche Übelkeit bis hin Stimmungsschwankungen und der damit verbundenen Gereiztheit? Sind Schwangerschaften vielleicht ansteckend?

Die Antwort kann nur lauten: Wohl kaum, auch wenn manche Schwangerschaftsepidemie im Freundes- oder Verwandtschaftskreis oftmals das Gegenteil vermuten lässt. Was also sorgt dafür, dass auch Männer sich nicht nur schwanger fühlen, sondern auch sehr, sehr schwanger aussehen?

Das Couvade-Syndrom: Ein spannendes Phänomen

Wissenschaftler nennen es das Couvade-Syndrom, abgeleitet von dem französischen „couver“, was übersetzt „ausbrüten“ bedeutet. Auch wenn Männer nicht wirklich den Nachwuchs in sich tragen, passiert es vielen von ihnen, dass sie eine sogenannte “Parallelschwangerschaft“ erleben, wie eine britische Studie in London jetzt herausgefunden hat.

Dort wurde den Wissenschaftlern nicht nur von den bereits beschriebenen Symptomen wie Heißhunger, morgendliche Übelkeit und Stimmungsschwankungen erzählt, es gab auch Männer, die das Gefühl hatten, wie ihre Frau in den Wehen zu liegen – mit einem Wehenschmerz, der sie an ihre körperlichen Grenzen hat stoßen lassen und von dem sie behaupteten, das Schmerzempfinden sei wahrscheinlich noch intensiver gewesen als bei ihrer Frau. Sie schmunzeln? Verständlich!

Dennoch sind die Wissenschaftler davon überzeugt, dass die von Männern empfundenen Schwangerschaftsanzeichen und hormonellen Veränderungen nicht die Wirkung einer Hypochondrie sind, sondern sich entweder aus mangelndem Verständnis oder aus Neid heraus entwickeln.

Unverständnis als Auslöser der “Parallelschwangerschaft“

Bei den Vertretern der Unverständnis-These handelt es sich zumeist um Psychoanalytiker, die davon ausgehen, dass die betroffenen Männer nur ein Zugang zum “Vater-Werden“ bekommen, indem sie ebenso schwanger sind wie ihre Frau.

Denn: Von Natur aus ist die Schwangerschaft etwas, was uns Frauen vorbehalten ist, etwas, das nur wir erleben können. In uns wächst eine kleine befruchtete Eizelle zu einem vollständigen kleinen Menschen heran. Jeden Tag ein klein wenig mehr, jeden Tag mit einem sich immer tiefer verflechtenden Gefühl für dieses kleine Leben in uns.

Für Männer hingegen ist dieser kleine Mensch einfach irgendwann da – und sie sollen sich von einer Sekunde auf die andere nun wie ein Vater fühlen und natürlich auch wie ein Vater verhalten. Männer, die eine Parallelschwangerschaft erleben, möchten – so die Vermutung der Psychoanalytiker – das Phänomen Schwangerschaft verstehen können und lassen sich demzufolge mit Haut, Haaren und Hormonen darauf ein.

Neidgefühle als Auslöser der “Parallelschwangerschaft“

Die Vertreter der Neid-Theorie hingegen finden sich vermehrt in den Reihen der Sozialpsychologen. Diese gelangen zuer Überzeugung, dass auch hier die Männer auf Grund der Schwangerschaft ihrer Partnerin verunsichert sind. Allerdings nicht, weil sie das Phänomen der Schwangerschaft so irritiert, sondern die Tatsache, dass sich plötzlich alles nur noch um das kleine Wesen dreht, das noch nicht einmal auf der Welt ist.

Es ist das Gesprächsthema in der Beziehung, aber auch im Freundes- und Familienkreis, manchmal sogar im Sportverein, im Beruf oder sogar in der sonst so elitären Stammtischrunde, in der man(n) bisher einfach nur Mann sein konnte.

Laut Meinung der Sozialpsychologen fühlen sich die Männer, die hier Anzeichen einer Parallelschwangerschaft entwickeln, verunsichert in Bezug darauf, was von ihnen im Moment und zukünftig erwartet wird, vor allem aber vernachlässigt, da ihre eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund rücken und in ihren Augen von den Anderen nicht mehr gesehen werden.

Die Parallelschwangerschaft rückt diese Männer wieder mit ins Zentrum. Selbst, wenn es sich dabei nur um die belustigte Frage von Freunden, Verwandten oder Arbeitskollegen handelt, wer denn nun eigentlich das Kind austragen wird – die Mutter oder der Vater?

Hoffnungsvolle Zukunftsperspektive

Auch wenn die Wissenschaftler noch nicht hundertprozentig sagen können, wie das Couvade-Syndrom entsteht und was der tatsächliche Auslöser ist, eines ist Gott sei Dank erwiesener und unabdingbarer Fakt: Es ist die Mutter, die das Baby zur Welt bringen wird. Und zwar seit Tausenden von Jahren. Und genau das ist gut so. Oder?

Auch bei Männern verändert sich der Hormonhaushalt, wenn ihre Frauen schwanger sind. Ob dies womöglich auch von biochemischen Signalstoffen gesteuert wird, ist allerdings unklar. Und damit auch, ob die Entwicklung von Babybäuchen für Männer ansteckend ist. Die körperliche Parallelentwicklung endet übrigens oft nach der Geburt – der väterliche Babybauch bleibt.

Ein Trost: Erste Hebammen bieten Rückbildungsgymnastik für Männer an.