Auch unsere Jüngsten können vom Liebeskummer getroffen werden. Bereits zwischen 6 und 10 gibt es Gefühle der Verliebtheit und Liebeskummer. Dies widerlegt die Theorie von der sogenannten „Latenzphase“. Entwicklungspsychologen nach Freud vermuteten lange Zeit, dass Kinder ab sechs in eine Stagnation in Bezug auf die sexuelle Entwicklung verfallen, eben in die Latenzphase.

Mittlerweile weiß man aus Erfahrungen und Beobachtungen, dass im Laufe des Grundschulalters die ersten Sexualhormone in einer Vorform ausgeschüttet werden. Diese bereiten die Geschlechtsreife in der Pubertät vor und lösen auch das Interesse am anderen Geschlecht aus – was also uns Eltern und Erwachsenen oft als frühreif erscheint, ist in Wirklichkeit eine hormonelle Entwicklung, die das sexuelle Empfinden von Kindern beiden Geschlechts beeinflusst. Auch wenn vordergründig die „Jungs, bzw. Mädchen sind doof“ – Einstellung von den Kindern propagiert wird, erwacht doch das Interesse am anderen Geschlecht und führt nicht selten zur ersten Liebe mit all ihren Hochs und Tiefs.

Was uns oft drollig erscheint, ist für die Kinder eine ernste Sache – nicht weniger bedeutsam als für einen Erwachsenen. Wenn Eltern oder andere Erwachsene sich über diese Gefühle lustig machen, ist es nahezu unerträglich und kann durchaus an einen Vertrauensbruch grenzen, was aus der Sicht der Kinder sehr einleuchtend ist. Diese ersten Übungen in Sache Liebe sind jedoch für die Kinder eine wichtige Phase in der Sozialisation und eine Vorbereitung auf später, wenn zu den Liebesgefühlen auch die konkret körperlichen sexuellen Gefühle hinzukommen. Im Grundschulalter beschränken sich die körperlichen Aspekte meist auf heimliche Küsse und zaghaften Erkundungen des anderen Körpers.

Auch sprachlich wird Sexualität thematisiert. Körperfunktionen werden plötzlich benannt und sexuelle Wörter wie zum Beispiel „bumsen“ können Eltern schnell einmal in Aufregung versetzen, wirken Sie aus dem Mund eines 6-jährigen doch sehr unangemessen. Sinn und Zweck dieser Wortwahl ist eine Annäherung an das Thema, Sexualität und die körperlichen Unterschiede von Jungen und Mädchen werden umkreist. Die Kinder testen damit, wie Sexualität im Alltag wirkt und wie die Eltern oder andere Erwachsene damit umgehen.

Denkt man über die eigene Sexualentwicklung nach, erinnert man sich oft an Situationen oder Gedanken, die denen der eigenen Kinder gar nicht unähnlich waren:

  • Wie sind Jungen und Mädchen miteinander umgegangen?
  • Waren Sie als Kind einmal richtig verliebt?
  • Gab es Körperlichkeit mit anderen Kindern, haben Erwachsene es mitbekommen und wenn ja, wie war deren Reaktion?

Die Beantwortung dieser Fragen kann es den Eltern oft leichter machen, die Verhaltensweisen ihrer Kinder zu verstehen.

Im Grundschulalter kommt es, abgesehen von der ersten Verliebtheit auch immer wieder zu den berühmt-berüchtigten „Doktorspielen“, die Eltern aus früheren Phasen ihrer Kinder kennen. Die Kinder erkunden gegenseitig ihre Körper und die Reaktionen auf Berührungen. Anders als in der früheren Kindheit, in der diese Spiele noch offen und unbefangen stattfanden, haben die Kinder mittlerweile ein Schamgefühl entwickelt, dass den Reaktionen der Umgebung entspringt.

Auch wenn es für die Eltern scheint, als gehörten diese Spiele der Vergangenheit an, so finden sie doch statt. Aber heimlich und meist ohne dass die Erwachsenen etwas davon mitbekommen. Zu peinlich wäre es mittlerweile, „erwischt“ zu werden. Kinder sind neugierig und wollen einfach wissen, wie die Anatomie des anderen Geschlechts aussieht, wie es sich anfühlt andere Körper zu berühren. Hier steht meist gar nicht der sexuelle Aspekt im Vordergrund, sondern Sympathie und Neugier.

Als Eltern sollte man sich keine Sorgen machen, solange diese Kontakte zwischen nahezu gleichaltrigen Kindern stattfinden. Auch wenn es sich um gleichgeschlechtliche Kontakte handelt, hat das keine Bedeutung für die Präferenzen in der späteren Sexualentwicklung. Das sexuelle Spiel zwischen Kindern bleibt immer im altersgerechten Rahmen und dient der Weiterentwicklung der Kinder, zu erwachsenen sexuellen Wesen. Eltern sollten dann eingreifen, wenn Verletzungsgefahr besteht oder der Altersunterschied zwischen den Kindern groß ist. Hat man das Gefühl, man müsste sich einmischen, sollte man mit dem Kind sprechen, nach den aktuellen Gefühlen fragen und keinesfalls schimpfen oder gar die Situation als Peinlichkeit deklarieren. Kinder, die früh lernen ihre Sexualität als etwas Selbstverständliches zu empfinden, werden auch im Erwachsenenalter keine Probleme haben, diese zu definieren.

 

Wachsen und erwachsen werden: Das Aufklärungsbuch für Kinder
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