Wenn Kinder nicht durchschlafen und immer wieder die Nacht zum Tag machen, kann das für alle Beteiligten zu einem nervenaufreibenden Unterfangen werden. Kein Wunder also, dass immer wieder Fragen laut werden, was man tun kann, um das Kind zum Schlafen zu bringen und vor allem dazu, dass es, wenn es schläft, auch durchschläft.

Sind Schlafprogramme hier die Lösung?

Die Antwort ist eindeutig, denn: Schlafprogramme sind umstritten! Dazu gehört auch die bekannte Ferber-Methode. Hebammen und Kinderärzte sind hier in zwei Lager gespalten. Die einen betonen den schnellen Erfolg des Verfahrens, die anderen warnen vor gravierenden Spätfolgen für das Kind. Mittlerweise wissenschaftlich erwiesen ist: Auch Kinder, die anhand der Ferber-Methode das Durschlafen “erlernt“ haben, schlafen in Wirklichkeit nicht durch. Sie werden immer noch wiederholt mitten in der Nacht wach, rufen aber nicht mehr nach Mama oder Papa, weil sie wissen, dass weder die eine noch der andere kommen wird. Hört sich gut an? Wohl eher nicht. Denn das Einzige, was beim “Ferbern“ passiert, ist, dass Sie das Vertrauen des Kindes zerstören – in Sie und in sich selbst.

Die Methodik des “Ferberns“

Der amerikanische Kinderarzt Prof. Richard Ferber war davon überzeugt, dass jedes Kind das Schlafen lernen kann. Insbesondere deshalb, da seinen Forschungen entsprechend viele Einschlaf- und Durchschlafschwierigkeiten der Kinder quasi “anerzogen“ waren. Dazu zählt laut Prof. Richard Ferber der gesamte elterliche Ideenreichtum, um dem Kind den Weg zurück in den Schlaf zu erleichtern – angefangen beim einfachen Wiegen auf dem Arm bis hin zum Schaukeln des Kindes im Kinderwagen oder auch der nächtlichen Spazierfahrt um den Häuserblock, weil das Kind im Auto bisher noch immer eingeschlafen ist.

Sie schmunzeln? Seien Sie froh, wenn Sie solche Szenarien mit Ihrem Sprössling noch nicht erleben mussten. Denn: Den Betroffenen fordern solche Aktionen viel Energie ab, sie irritieren das Familienleben und bringen leider auch nur kurzzeitig den ersehnten Schlaf. Kein Wunder also, dass jede übermüdete Mutter oder jeder geräderte Vater sich manchmal nichts sehnlicher wünscht, als dass das eigene Kind endlich nachts einmal durchschläft. Am liebsten natürlich mehr als einmal. Jedes Mal.

Mit seiner Methode wollte Richard Ferber gerade diesen Eltern helfen und nutzte für sein Schlaftraining Erkenntnisse aus der psychologischen Verhaltenstherapie. Demzufolge basiert das “Ferbern“:

  1. auf dem Ablegen bestimmter (anerzogener) Eigenarten des Kindes
  2. auf dem gleichzeitigen Erlernen neuer Regeln für das Kind

So weit, so gut. Doch was verbirgt sich jetzt genau hinter der Methode?

Ferbern – Das Vorgehen und der Erfolg

Beim “Ferbern“ wird das Kind jeden Abend mit dem gleichen Ritual ins Bett gebracht und der Verlauf nicht ausgedehnt. Die Zeremonie findet immer zur gleichen Zeit statt, Ablauf und Zeitdauer sind Tag für Tag identisch. Der Abschluss ist eindeutig erkennbar. Viele Eltern kuscheln ein letztes Mal, geben ihrem Kind einen Gute-Nacht-Kuss oder streicheln ihm liebevoll über den Kopf. Auch die Spieluhr kann das Ritual abrunden.

Danach geht Mama oder Papa ohne Kommentar aus dem Zimmer. Bis hierhin ist alles eigentlich relativ normal, oder? Jetzt aber geht es los, denn: Drei Minuten lang müssen alle durchhalten, egal wie groß der Protest aus dem Kinderzimmer ist. Leises Weinen, lautes Rufen, tobendes Geschrei – all das muss für die nächsten drei Minuten komplett ignoriert werden. Prof. Richard Ferber bezeichnet das als “Einsatz der elterlichen Konsequenz“.

Sind die drei Minuten endlich überstanden, kann die Mutter oder der Vater das Kinderzimmer wieder betreten und den Nachwuchs für zwei Minuten beruhigen. Leise Worte, zärtliches Streicheln, um dem Kind Nähe zu vermitteln und den Herzschmerz zu lindern. Nach exakt zwei Minuten geht es wieder hinaus – egal, ob das Kind noch weint –, um die “Auszeit“ diesmal und fortan intervallmäßig weiter zu erhöhen. Bis zu 30 Minuten sind hier irgendwann erlaubt.

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Was hier für Einschlafschwierigkeiten gilt, gilt laut Ferber auch für Durchschlafprobleme. Ziel ist es, das Kind daran zu gewöhnen, dass die Eltern – wenn überhaupt – erst zeitverzögert reagieren. In der Hoffnung, dass sich das Kind zwischenzeitlich selbst beruhigt und von alleine wieder einschläft. In letzter Konsequenz natürlich, um zu lernen, dass es keinen Grund gibt, um nach Mama oder Papa zu rufen, da diese vermutlich doch nicht ins Zimmer kommen werden.

Ja, die Methode hat – sofern die Eltern absolut konsequent bleiben – Erfolg, aber: Sie hat nicht nur irgendwann die wohltuende nächtliche Ruhe zur Folge, sondern auch den Verlust des kindlichen Urvertrauens.

Ferbern: Die Konsequenzen

Seine Methodik entwickelte Prof. Richard Ferber Mitte der 80erJahre. Heute jedoch weiß man, dass Kinder das Durchschlafen von ganz alleine erlernen. Und zwar genau dann, wenn sie in ihrer Entwicklung soweit sind und von sich aus nicht mehr der nächtlichen Rückversicherung brauchen, dass Mama oder Papa immer da sind. Dementsprechend ist das Durchschlafen – wie das Krabbeln, das Laufen, das Sprechen lernen etc. –  ein Entwicklungsprozess, der von Kind zu Kind ein anderes Tempo vorlegt.

Es ist ein weit verbreiteter Mythos, dass Kinder mit etwa einem Jahr durchschlafen können sollten. Ja, es gibt Babys, die mit einem Jahr soweit sind, andere Kinder brauchen von sich aus dafür aber gerne auch mal zwei, drei oder vier Jahre. Darf das Kind nicht von sich aus lernen, durchzuschlafen, sondern wird es dazu mittels eines Schlafprogramms “gezwungen“, wacht es trotzdem weiterhin nachts auf. Das passiert uns Erwachsenen auch, allerdings erinnern wir uns weniger bis gar nicht daran.

Warum wir aufwachen? Vielleicht aus demselben Grund, aus dem auch Kinder aufwachen. Um uns zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist, wir in Sicherheit sind, keine Angst zu haben brauchen und uns beschützt fühlen können. Bei uns Erwachsenen sind es vielleicht die eigenen vier Wände, die uns Halt geben, die kuschelige Bettdecke, die uns wärmt, der Lebenspartner, der beruhigend gleichmäßig neben uns atmet.

Bei Säuglingen, Babys, Kleinkindern und Kindern jedoch sind es die Eltern oder die sonstigen Bezugspersonen, die ihnen Halt und Sicherheit geben – niemand und nichts anderes. Erst, wenn sie für sich gelernt haben, dass sie sich immer auf ihre Bezugsperson verlassen können, werden sie auch durchschlafen. Denn dann ist ihr Vertrauen gefestigt. In Sie, in die Dunkelheit, in die Nacht, in sich selbst.

Erschüttern Sie dieses Vertrauen dadurch, dass Sie nicht mehr sofort auf Ihr Kind reagieren, beeinträchtigt das die Bindung zu Ihrem Kind und sorgt zudem dafür, dass Ihr Nachwuchs kein gesundes Selbstvertrauen entwickeln kann. Denn Selbstvertrauen basiert auf und entwickelt sich aus dem kindlichen Urvertrauen heraus. Und vergessen Sie niemals: Egal, wie lange Ihr Kind auf Sie wartet: Schon eine Minute ist für Ihr Baby eine Ewigkeit. Wie sieht es dann erst bei 5, 10, 20 oder 30 Minuten aus?!

Wenn Sie trotzdem “ferbern“ möchten

Ferbern als letzte Wendemöglichkeit in der Sackgasse? Ja, wenn man bereit ist, den Preis dafür zu zahlen. Nein, wenn man sein Kind in seiner Entwicklung unterstützen, statt hemmen möchte.

Zudem ist die Methode kein Sonntagausflug, sondern eine kräftezehrende Bergtour. Denn maßgebend sind bei der Ferber-Methode einzig und allein die Entschlossenheit und das beharrliche Vorgehen während der Umsetzung. Zur Marschausrüstung gehören also unabdingbar absolute Konsequenz und Einigkeit beider Elternteile. Ist dies nicht gegeben, wird sich auch der vermeintliche Erfolg nicht einstellen.

So oder so: Das Urvertrauen des Kindes wird trotzdem systematisch zerstört.

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