Die Entwicklung eines Kindes vom hilflosen Neugeborenen bis zum reifen und erwachsenen Menschen verläuft in vielen Schritten. Einer der einschneidensten Veränderungen ist meist die Einschulung. Sowohl für die Kinder als auch für die Eltern verändert sich vieles, wenn die Schulpflicht beginnt. Neben den festen Anfangs- und Endzeiten in der Schule und den Einschränkungen in der Urlaubs- und Freizeitgestaltung kommen auf das Kind neue Aufgaben und Anforderungen zu.

Ob das Kind für diesen neuen Lebensabschnitt bereit ist, ist für die Eltern oft nicht leicht zu entscheiden, da ihr Bild von ihrem Kind sowie ihre eigenen Erwartungen meist sehr subjektiv sind. Um den eigenen Eindruck von der Schulreife des Kindes zu überprüfen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Einmal kann eine Checkliste hilfreich sein, in der die wichtigen sozialen und kognitiven und körperlichen Kompetenzen des Kindes abgefragt werden. Weiterhin kann der Kindergarten helfen, da die Erzieherinnen meist einen guten Überblick über den Entwicklungsstand des Kindes haben.

Fähigkeiten, die ein Schulkind braucht

In der Schule sind Kinder erheblich mehr auf sich selbst gestellt als zu Hause oder im Kindergarten. Damit sie sich dort wohlfühlen und zurechtfinden, müssen die Schulkinder bestimmte Dinge ohne Probleme beherrschen.

Sie müssen zum Beispiel selbständig auf die Toilette gehen und sich komplett an- und ausziehen können. Weiterhin müssen sie in der Lage sein, die Regeln, die in der Schule gelten zu verstehen und sie auch einhalten. Um sich in der Schulklasse und dem Klassenverbund zurechtzufinden, müssen Kontaktbereitschaft und die Fähigkeit zu Rücksichtnahme und Toleranz vorhanden sein.

Kinder sind erst ab einem bestimmten Reifestadium fähig, ihre eigenen Bedürfnisse, wie zum Beispiel Hunger aufzuschieben oder Ärger und Wut im Zaum zu halten. Diese Eigenschaft ist in der Schule wichtig, da Arbeitsfähigkeit und Anpassung an das Geschehen für den einigermaßen reibungslosen Ablauf im Schultag zwingend erforderlich sind.

Konfliktfähigkeit, ein Grundverständnis von Zeit und die Fähigkeit, sich zu konzentrieren sind ebenfalls notwendig, damit ein Kind in der Schule zurechtkommt. Neben den sozialen Kompetenzen müssen auch bestimmte geistige Fähigkeiten bereits gut entwickelt sein, damit das Kind die vermittelten Inhalte in der Schule verstehen kann.

Im visuellen/mathematischen Bereich müssen Formen und Zahlen erkannt werden, der Zahlenbegriff muss grundsätzlich klar sein. Eine weitere wichtige Fähigkeit ist das strukturelle Denken, erkennbar ist das Vorhandensein der Gliederungsfähigkeit daran, dass ein Kind links und rechts unterscheiden kann.

Es ist in der Lage selbständig zu denken und kann Handlungsabläufe nach ihrer Folgerichtigkeit sortieren und Dinge in eine logische Reihenfolge, zum Beispiel von klein nach groß oder von hell nach dunkel, bringen.

Verständliche Aussprache, das Sprechen und Formulieren in ganzen Sätzen und die Fähigkeit, anderen zu zuhören und sie zu verstehen gehören ebenfalls zu den Grundlagen für die Schulreife.

Schule stellt nicht nur an den Geist hohe Anforderungen, auch der kindliche Körper muss entsprechend entwickelt sein. Gleichgewichts- und Raumgefühl müssen gut ausgeprägt sein, erforderliche motorische Fähigkeiten in der Schule sind unter anderem das korrekte Halten eines Stiftes, der Umgang mit Farbe und Kleber und Fertigkeiten im Knoten oder Schleife binden. Eine grundsätzliche Leistungsbereitschaft und Ausdauer sind ebenso wichtig für den Aufenthalt des Kindes in der Schule.

Unterstützung der Eltern

Eltern können im Jahr vor der Einschulung einiges tun, um ihr Kind auf die Anforderungen in der Schule vorzubereiten. Sie können in großem Masse und in enger Zusammenarbeit mit dem Kindergarten die erforderlichen Fähigkeiten spielerisch trainieren und bestimmte Eigenschaften und Kenntnisse mit dem Kind üben.

Dazu gehören zum Beispiel das selbständige An- und Ausziehen, die Kunst des Schleifebindens oder die richtige Stifthaltung. Alles was das Kind bereits vor Schulbeginn kann, muss es danach nicht mehr lernen und hat so mehr Aufmerksamkeit zur Verfügung, um sich auf die Schule zu konzentrieren. Auch hier ist immer wichtig, den Spaß nicht zu vergessen und keinen Druck auszuüben. Außerdem sind die Vorübungen ein guter Anzeiger für eventuelle Schwächen des Kindes, die zu der Überlegung führen können, die Einschulung noch um ein Jahr zu verschieben.

Grundsätzliches zum Einschulungsalter

Das Regelalter für die Einschulung von Kindern in Deutschland ist sechs Jahre. Der Stichtag für den sechsten Geburtstag liegt in den meisten Bundesländern auf dem 30. Juni. Kinder, die bis zu diesem Jahr das siebente Lebensjahr erreicht werden, werden als Regelkinder eingeschult. Das heißt, das manche Kinder mit gerade mal sechs in die Schule kommen und andere mit fast sieben. Dies erzeugt innerhalb der Klasse ein Altersgefälle, das in dieser Altersstufe von großer hierarchischer Bedeutung sein kann.

Die jüngeren Kinder können sich oft schwer gegen die älteren durchsetzen, was in ungünstigen Konstellationen zu großem Stress für die kleinen führen kann. Gerade unter Kindern kann Mobbing besonders rücksichtslose Formen annehmen. Bei den Klassengrößen von 25-30 Kindern sind die Lehrer oft mit solchen Situationen überfordert, bzw. nehmen sie aufgrund der vielen Kinder gar nicht wahr. Unter Pädagogen hat sich mittlerweile zu großen Teilen die Meinung durchgesetzt, dass eine spätere Einschulung sich auf die Kinder und ihre Entwicklung in der Schule günstig auswirkt.

Verschiedene Studien in den vergangenen Jahren haben wichtige Erkenntnisse über die eventuellen Nachteile einer zu frühen Einschulung gezeigt: Vorzeitig eingeschulte Kinder bleiben häufiger sitzen. Dies ergab eine Auswertung aus Nordrhein-Westfalen (Bellenberg 1996; Bellenberg, Gabriele/Klemm, Klaus 1998). Bestätigt werden diese Ergebnisse durch die sogenannte LAU-Studie in Hamburg (LAU-5 1997, Abschnitt 4.5).

Im Gegensatz dazu erhalten Kinder, die ein Jahr später eingeschult wurden, deutlich häufiger eine Empfehlung für das Gymnasium. Dies belegt eine Auswertung von Jürges/Schneider aus 2006. Im sogenannten Grundschultest IGLU haben ältere Kinder ebenfalls deutlich besser abgeschnitten (Puhani/Weber 2006) Gründe für das bessere Abschneiden der älteren Kinder und die positiveren Entwicklungstendenzen liegen auf der Hand. Die jüngeren Kinder sind meist etwas langsamer in ihren Reaktionszeiten und weniger belastbar. Sie können sich noch nicht so gut konzentrieren und haben oft noch mit der Sehnsucht nach den Eltern zu kämpfen.

Die Bedeutung des Kindergartens

Gerade auch bei Kann-Kindern, also bei Kindern, die nach dem Stichtag für die Einschulung, aber vor dem ersten Schultag sechs geworden sind, stellt sich die Frage nach dem Einschulungszeitraum. Bei den Überlegungen wird oft die Bedeutung des letzten Kindergartenjahres unterschätzt. Dieser Zeitraum kann nämlich erheblich dazu beitragen, dass das Kind die mittlerweile erlangten sozialen Kompetenzen und körperlichen bzw. motorischen Fähigkeiten übt und weiter vervollkommnet. Dies hat letztendlich den Effekt, dass sich das Kind zum Schulbeginn völlig auf die Schule und ihre intellektuellen Anforderungen konzentrieren kann.

Im letzten Kindergartenjahr, das vom Diplom-Pädagogen Dieter Land als „Königsjahr“ bezeichnet wird, kann das Selbstbewusstsein des Kindes nochmal erheblich gestärkt werden. Es gehört jetzt zu den „Großen“, ist in der Lage Verantwortung zu übernehmen und hat im Gegensatz zu den jüngeren Kindern einen weitaus größeren Erfahrungsschatz. Diese Erfahrungen lassen das Kind sozial und geistig reifen, sie lernen sich und ihre Fähigkeiten besser kennen und erleichtern ihm den Einstieg in den Lebensabschnitt Schule.

Die elterliche Intuition

Auch wenn Eltern ihr Kind und dessen Fähigkeiten nicht immer objektiv sehen können, sind sie doch die Personen, die ihr Kind am besten kennen und einschätzen können. Im Zweifelsfall, wenn die Ergebnisse von Einschulungstest oder Checkliste unklar sind, sollten sie ihrer Intuition folgen und danach entscheiden, ob das Kind bereit für die Schule ist oder nicht.

Denn gerade die ersten Schuljahre sind Basis für Lust und Freude am Lernen, die ein Kind entwickelt. Ein schlechter Start in den Schulalltag kann die Wissbegier eines Kindes bremsen und die Schule für die Zukunft zu einer leidigen und lästigen Pflicht machen.

Allerdings sollte man sich davor hüten, die intellektuellen Fähigkeiten des Kindes als Hauptkriterium für den Einschulungszeitpunkt zu sehen. Denn auch wenn ein Kind von seinen kognitiven Fähigkeiten her schon bereit für die Schule ist, wird es dort nicht gut zurechtkommen, wenn seine sozialen oder körperlichen Kompetenzen noch nicht ausreichend entwickelt sind. Der intellektuelle Vorsprung kann schnell verloren gehen, wenn sich das Kind in der Schule nicht wohl fühlt und Probleme hat, sich in den Schulalltag einzufinden.