Märchen und ihre Überlieferungen haben eine lange Tradition. Schon seit vielen Jahrhunderten werden sie von einer Generation an die andere weitergegeben. Manchmal gehen einige Märchen eine Zeit lang verloren, tauchen aber Jahre oder Jahrzehnte später irgendwie und irgendwo zufällig wieder auf. Nicht jeder kennt jedes Märchen, aber viele von uns wissen zumindest um die Klassiker der Gebrüder Grimm, kennen die berühmtesten Erzählungen von Hans Christian Andersen oder auch einige der Werke aus Märchen aus 1001 Nacht.

Was allerdings nur wenige von uns wirklich erlebt haben, ist, dass ihnen die Märchen erzählt wurden. Den meisten wurden sie wahrscheinlich vorgelesen, genauso wie wir es heute auch bei unseren Kindern machen – zumindest dann, wenn wir ihnen überhaupt Märchen vorlesen.

Doch eigentlich sollten Märchen erzählt werden, da der Augenkontakt zwischen Erzähler und Zuhörer ganz wichtig ist. Der allerdings genau dann nicht gelingt, wenn der elterliche Blick stets nach unten auf das Buch gerichtet ist, um das Märchen vorzulesen.

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Grimms Märchen: Vollständige illustrierte Ausgabe
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Grimms Märchen: Vollständige illustrierte Ausgabe
  • 560 Seiten - 15.01.2007 (Veröffentlichungsdatum) - FISCHER Sauerländer (Herausgeber)


Warum der Blickkontakt so wichtig ist? Weil das Kind sich fallen lassen können muss. Und genau dafür braucht es den Blickkontakt, der ihm die Sicherheit gibt, dass Mama oder Papa die ganze Zeit über und auch durch die aufregendsten Abenteuer hindurch ganz nah bei ihm sind.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich die Familie anstatt zum abendlichen Fernsehen im Wohnzimmer zur Märchenerzählung in der Küche getroffen hat. Zugegeben: Zu dieser Zeit gab es noch kein Fernsehen und vielleicht auch nicht wirklich ein Wohnzimmer. Denn damals spielte sich das Leben “in der guten Stube“ und somit in der Küche ab. Das Erzählen von Märchen war den damaligen Hausbewohnern, die mehr als die heute üblichen zwei Generationen umfassten, stimmungsvoller Zeitvertreib. Man traf sich also in der Küche und lauschte den spannenden Geschichten, die der Erzählende zum Besten gab, in familiärer Eintracht. Selbst die Kleinsten waren zu diesen Zeiten oftmals zugegen und konnten zur Not, falls es in einem der Märchen mal allzu unheimlich, grausig oder gruselig zuging, ganz schnell bei Mama oder Papa Sicherheit, Schutz, Halt und Geborgenheit suchen.

Und genauso funktionieren Märchen auch heute noch, weshalb sie besser erzählt als vorgelesen werden sollten, um jederzeit in Mamas oder Papas Augen blicken zu können, die Sicherheit, Schutz, Halt und Geborgenheit signalisieren. Und deren Blick verspricht: „Lass Dich nur fallen, ich begleite Dich nicht nur sicher in und durch die Welt der Fantasie, ich geleite Dich auch sicher wieder hinaus!“

Da bei vielen von uns die Möglichkeiten begrenzt sind, die Klassiker unserer Kindheit auswendig erzählen zu können, hilft es schon, das jeweilige Märchen, das als nächstes vorgetragen werden soll, im Vorfeld einige Male für uns selbst zu lesen. Denn dann sind uns nicht nur die Figuren, sondern auch die vielleicht eigentümliche Sprache als auch der gesamte Inhalt wieder vertraut. Und das bedeutet, dass wir zumindest in Teilen unserem Kind das Märchen frei erzählen können und guten Gewissens dann auch stellenweise auf die Textvorlage zurückgreifen und uns an dieser vorleserisch orientieren dürfen. Doch auch dann sollten wir niemals den wichtigen Blickkontakt vergessen.