„Wer zu viele Löcher im Körper hat und sich diese vor allem nachträglich und freiwillig hat stechen lassen, der braucht sich nicht zu wundern, dass er nicht mehr ganz dicht ist!“ Das zumindest war der Kommentar meines Mannes, als unsere Tochter um die von langer Hand geplante Erlaubnis bat, sich ein Bauchnabel-Piercing machen lassen zu dürfen. Das in der Antwort enthaltene, und mich das Lachen mühsam unterdrückende Wortspiel hat unsere Tochter zwar nicht gleich verstanden, aber das unverkennbare NEIN ihres Vaters dafür umso deutlicher. Unnötig zu erwähnen, dass Töchterchens Tür danach mit den Worten: „Ihr seid so gemein!“, lautstark den dramatischen Abgang unserer Teenager-Prinzessin unterstrich. Was also tun, wenn Sohn oder Tochter den eigenen Körper mit einem Piercing-Schmuckstück verschönern – oder auch nach Meinung meines Mannes – verschandeln möchte? Erlauben, verbieten, oder die Diskussion einfach aussitzen und hoffen, dass es sich auch dabei nur um eine pubertäre und nach Möglichkeit vor allem kurzzeitige Laune handelt?

Generelles zum Piercing:

Piercings gelten wie Tätowierungen als Körperkunst und sind fast so alt wie die Menschheit – zumindest jedoch wesentlich älter als die Zeitrechnung nach Christus. Sie haben in vielen Kulturen eine symbolische, religiöse, rituelle, eine traditionelle oder eine ethnische Bedeutung. Im europäischen Kulturkreis hingegen haben sie sich in den vergangenen Jahrzehnten eher als Ausdruck des persönlichen Stils etabliert. Da Piercings zum Bereich der Body-Modification gezählt werden – also zu einer bewussten und gewollten Verletzung des eigenen Körpers – sind sie laut Definition mit dauerhaften oder schwer rückgängig zu machenden Veränderungen verbunden. Hier kommt es jedoch darauf an, wo, von wem und wie das Piercing gesetzt, also genauer gesagt: gestochen oder gebohrt wird (engl. to pierce = durchstechen/ durchbohren). So gilt beispielsweise ein Piercing im Bauchnabel überraschenderweise als weitaus weniger bedenklich als beispielsweise ein Piercing der Ohren – womit hier allerdings nicht das Stechen von Löchern im Ohrläppchen gemeint ist, sondern das Durchstechen des Ohrknorpels.

Warum Heranwachsende sich gerade jetzt ein Piercing wünschen

Für Heranwachsende ist ein Piercing mehr als nur ein Modetrend, zumindest dann, wenn der Wunsch nicht nur besteht, weil auch die beste Freundin oder der beste Freund ein Piercing hat – also nicht aus einem Gruppenzwang heraus resultierend. Für Jugendliche zählt es zumeist zu den Dingen, mit denen sie ihren eigenen Stil finden und ihre Persönlichkeit unterstreichen können. Denn das Äußere und seine kontinuierliche Entwicklung sind gerade in der Pubertät von enormer Bedeutung. Gerade jetzt gilt es, nicht mehr nur zu gefallen, sondern auch mal aufzufallen, sich etwas Außergewöhnliches zu trauen, einfach anders zu sein und damit gegebenenfalls auch bewusst mal anzuecken. Deshalb macht uns als Eltern die Pubertät nicht nur mit ihren hormonellen Schwankungen zu schaffen, sondern auch durch stundenlange Badezimmer-Blockaden, knallbunte Haare, gewöhnungsbedürftige Outfits und natürlich durch die undankbaren Diskussionen zu Tattoo oder Piercing.

Den Wunsch nach einem Piercing nicht aus Prinzip verneinen:

Auch wenn sie so viel einfacher erscheinen, Erlaubnisverweigerungen wie: „Wenn Du 18 bist, kannst Du machen, was Du willst, aber vorher nicht!“ oder „Nein, und darüber diskutiere ich auch nicht!“ helfen Heranwachsenden nicht gerade, sich selbst zu finden, und vor allem nicht dabei, die eigenen Interessen und Wünsche zu argumentieren und auch mal durchzusetzen. Entsprechend sollte der Wunsch nach einem Piercing von den Eltern immer ernst genommen werden, auch und vielleicht sogar insbesondere dann, wenn dieser nicht dem eigenen Geschmack entspricht. Das heißt noch lange nicht, dass dem Wunsch stattgegeben werden muss, aber zumindest sollten Sie sich die Zeit nehmen, um herauszufinden, warum Ihrem Kind das Piercing so wichtig ist. Denn NEIN sagen, können Sie dann immer noch – zumindest, wenn Ihr Kind nicht die überzeugenderen Argumente hat.

  • Lassen Sie sich von Ihrem Kind erklären, warum ihm das Piercing so wichtig ist. Geht es dabei beispielsweise um das Unterstreichen der eigenen Persönlichkeit, was positiv von Ihnen zu bewerten wäre, oder vielleicht nur um die Imitation von Freunden, Vorbildern oder Stars, was Ihnen – sehr zum Leidwesen Ihres Kindes – zahlreiche Gegenargumente liefern würde? Denn Sie wissen ja: Jeder Mensch wird als Original geboren, doch die meisten sterben als Kopie.
  • Finden Sie heraus, welche Art von Piercing Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter vorschwebt, wo es gestochen oder gebohrt werden soll und welche Art von Schmuckstück es hinterher darin tragen möchte. Denn je klarer Ihr Kind seine Vorstellungen definieren kann, umso besser werden Sie beurteilen können, ob es sich dabei nur um eine spontane Idee handelt, die noch nicht wirklich durchdacht wurde, oder ob der Wunsch schon länger besteht und sich Ihr Kind damit bereits intensiv auseinander gesetzt hat.
  • Versuchen Sie ebenfalls herauszufinden, ob Ihr Kind auch über Risiken und Nachteile des Piercings informiert ist. Beispielsweise, wenn sich die durchbohrte oder durchstochene Körperstelle schmerzhaft entzündet, wenn es versehentlich damit irgendwo hängen bleibt und das Schmuckstück dabei herausreißt oder auch in Situationen, in denen es auf keinen Fall mit einem sichtbaren Piercing auftreten sollte wie üblicherweise in Vorstellungsgesprächen etc.
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Dem Wunsch nach einem Piercing mit Kompromissen begegnen

Zeigt das Gespräch, dass Ihr Kind nicht nur aus einer Laune heraus handelt, sondern wirklich ein Piercing haben und es auch langfristig tragen möchte, sollten Sie über einen Kompromiss nachdenken, der beiden Seiten gerecht wird. Denn gerade im Kompromiss sehen Experten den richtigen Weg, um die Heranwachsenden in ihrer Entwicklung zum Erwachsenen-Sein zu unterstützen und gleichzeitig die elterliche Fürsorgerolle weiterhin verantwortungsbewusst wahrnehmen zu können. Zu den möglichen Kompromissen zählen:

  • Das gewünschte Piercing erst einmal nicht stechen oder bohren, sondern nur anklammern zu lassen. Zwar funktioniert dies nicht an allen Körperstellen, aber beispielsweise als Alternative zum endgültigen Ohren-, Nasen oder Intim-Piercing. Entsprechende Clips, die vom Prinzip her wie Ohrclips funktionieren, gibt es beispielsweise in vielen modernen Schmuck-Boutiquen und vor allem in vielen Ausführungen. So hat nicht nur Ihr Kind die Möglichkeit, sein Wunsch-Piercing ausgiebig Probe zu tragen, nach Lust und Laune zu wechseln und sich daran zu gewöhnen, sondern auch Sie. Wenn beim ersten Verlust des Schmuckstücks, weil es im Laufe des Tages oder während der vielen “Was-ziehe-ich-heute-an-Modenschauen“ vorm Spiegel irgendwie verloren gegangen ist, die Trauer darüber nicht allzu groß ist, entspricht auch das in etwa der Intensität des eigentlichen Piercing-Wunsches.
  • Lässt sich der Wunsch Ihres Kindes nicht mit einer anklammerbaren Version des Piercing-Schmucks umsetzen, ist trotzdem noch nicht alles verloren. Sie können beispielsweise vereinbaren, dass, wenn sich beispielsweise innerhalb eines Jahres die gewünschte Positionierung des Piercings nicht ändert, Sie Ihre Erlaubnis dazu erteilen. Allerdings müssen Sie zum vereinbarten Zeitpunkt zu Ihrem Wort stehen, wenn auch Ihr Kind konsequent an seinen Vorstellungen festgehalten hat.
  • Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter hingegen eine unauffälligere Art des Piercings vorzuschlagen, ist sehr gefährlich. Beispielsweise, wenn es sich ein Zungen-Piercing wünscht, Sie jedoch mit einem Bauchnabel-Piercing einverstanden wären, da es jederzeit durch Kleidung bedeckt werden könnte, in Ihren Augen ästhetischer wirkt und allgemein als ungefährlicher gilt. Denn, Ihr Kind könnte nach dem Prinzip entscheiden: „Lieber einen Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach!“. Für den Moment wäre die Piercing-Frage damit vielleicht gelöst, auf Dauer jedoch können Sie sich auf weitere Diskussionen gefasst machen, die entweder so lange anhalten, bis Ihr Kind wirklich volljährig ist, oder bis Sie auch endlich Ihre Erlaubnis zum Zungen-Piercing erteilen, womit Ihr Kind vielleicht schon bald dann zweifach gepierct und nicht mehr weit von einem Nadelkissen entfernt ist.

Wie auch immer Sie sich entscheiden, versäumen Sie es nicht, Ihrem Kind zu zeigen, dass Sie sich ernsthaft mit seinen Interessen auseinandersetzen. Am ehrlichsten und – zugegebenerweise – eindrucksvollsten zeigen Sie dies, wenn Sie mit Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter zusammen verschiedene Piercing-Studios aufsuchen, um sich vorab GEMEINSAM zu informieren: Welche Möglichkeiten gibt es? Mit welcher Methode wird das Piercing gesetzt? Welche Gefahren bestehen dabei? Wie hoch ist die Zahl der bisher beobachteten negativen Folgen etc.? Denn nicht nur jedes Studio arbeitet anders, sondern auch jedes Piercing ist anders und hat seine eigenen Herausforderungen. Diese Besuche sollen weder abschrecken noch überzeugen, sie sollen nur Sie und Ihr Kind auf einen einheitlichen Wissenstand bringen.