Immer wieder wird von den verschiedenen Erziehungsexperten Gelassenheit, Nachsicht und Verständnis im Umgang mit Pubertierenden gepredigt. Frei nach dem Motto: „Das gibt sich!“, „Das verwächst sich“, „Bloß nicht aufregen, statt dessen lieber die eigenen Nerven schonen!“ Und doch sind gerade die Auseinandersetzungen mit den Eltern oder den Geschwistern für jedes pubertierende Kind enorm wichtig. Denn nirgendwo sonst und in keiner anderen sozialen Konstellation kann es so gesichert und weitestgehend ungestraft austesten, wie weit es gehen darf. Denn in der Schule würden bei einem grenzüberschreitenden Verhalten auf jeden Fall negative Sanktionen und gegebenenfalls auch schlechte Noten drohen. Gesellschaftlich werden Fehltritte ebenfalls geahndet, ganz gleich welcher Art und in welcher Form. Und selbst die eigenen Freunde strafen mit Ignoranz, sobald man sich daneben benommen oder sie gekränkt hat. Einzig und allein das familiäre Umfeld bleibt also übrig, um sich als Pubertierender auszutesten. Denn Eltern und Geschwister lassen zwar auch nicht alles durchgehen, strafen aber in der Regel nicht mit Liebesentzug oder Konsequenzen, die nicht tragbar wären.

Gelassenheit, Nachsicht und Verständnis sind im Umgang mit den eigenen pubertierenden Kindern mit Sicherheit gute Ratgeber, doch die Auseinandersetzungen im Alltag gehören dazu und sind gleichermaßen wichtig. Nicht nur, weil Grenzen Kindern bekanntermaßen Halt geben, sondern auch, um ihnen den Schritt ins Erwachsenwerden zu erleichtern. Denn bei jeder Auseinandersetzung beziehen Kinder Stellung, treten für ihre Überzeugung ein, lernen zu diskutieren und vor allem zu argumentieren. Sie werden nicht nur erwachsen, sondern wachsen auch über sich hinaus, weil sie anfangen, für das, was sie erreichen möchten, zu kämpfen.

So erhalten sie Rückgrat – insbesondere, wenn sie von den Eltern zur Rechenschaft gezogen werden für etwas, dass sie mal wieder so richtig verbockt haben. Und genau das ist es, was Kindern ebenfalls mit auf den Weg gegeben werden sollte: Dass jedes Handeln eine Konsequenz nach sich zieht, die es nicht nur zu beachten gilt, sondern für die man im Zweifelsfall auch die Verantwortung übernehmen muss.

Natürlich wäre es so viel schöner und einfacher, wenn die Phase der Pubertät ohne größere Reibereien über die Bühne gehen könnte. Aber Eltern, die nur darauf bedacht sind, bloß keine Fehler zu machen, bloß keine Auseinandersetzung heraufzubeschwören und um Gottes Willen die harmonische Eltern-Kind-Beziehung nicht zu gefährden, leben ihrem Kind eine rosarote Welt vor, die real nicht existiert.

Auseinandersetzungen sind für Pubertierende genauso wichtig wie das Wissen, dass sie von ihren Eltern trotzdem immer bedingungslos geliebt werden – egal welche Reibungspunkte es gibt und welche Konsequenzen es zu tragen gilt. Denn nur dann entwickeln sich aus Kindern verantwortungsvolle Erwachsene, die das haben, was vielen anderen fehlt: Rückgrat und vor allem der Mut, für das einzutreten, was man im Herzen fühlt und von dem man denkt, dass es das Richtige ist!