Aus gesetzlicher Sicht: Körperverletzung des Kindes

Traurig, aber wahr: Ein Mindestalter für das Stechen der Ohrlöcher bei Kindern gibt es leider nicht. “Leider“ deshalb, da auch das simple Stechen der Ohrlöcher streng genommen in den Bereich der Körperverletzung fällt. Vom Gesetz und Gesellschaft jedoch gängigerweise toleriert wird. 

Insbesondere dann, wenn es noch zu jung ist, um sich selbst Ohrringe  zu wünschen. Oder besser gesagt: Den Wunsch danach sprachlich überhaupt äußern kann. Kein Wunder also, dass häufig schon die Kleinsten mit der klassischen Ohrloch-Schießpistole malträtiert werden.

Befragt man Kinderärzte zu dem Thema, ist die Meinung nicht selten zweigeteilt. Die einen meinen, dass der richtige Zeitpunkt, um einem Kind Ohrlöcher stechen zu lassen der ist, an dem das Kind den Schmerz des Schießens oder Stechens noch nicht richtig zuordnen kann. Folglich weit unter seinem dritten Lebensjahr.

Bedenklich sei das Schießen oder Stechen der Ohrlöcher generell nicht. Die hygienische Versorgung eingehalten wird und dem Kind keine Ohrhänger eingesetzt würden. Hängende Ohrringe bergen die Gefahr in sich, dass das Kind, beim Toben, beim Anziehen etc. an irgendetwas hängen bleibt und sich den damit ausreißt. Im schlimmsten Fall so vehement, dass das gesamte Ohrläppchen gleich mit durchreißt.

Andere Kinderärzte hingegen warnen vor Ohrlöchern bei Kleinkindern. Diese können zwar zum gewählten Zeitpunkt akkurat geschossen oder gestochen werden, jedoch zu bedenken sei, dass nicht nur das Kind selbst noch wächst, sondern auch seine Ohren und damit auch die Ohrläppchen.

Das bedeutet: Im Jugend- oder Erwachsenenalter sitzen die ehemals mittig ins Ohrläppchen platzierten Löcher oftmals nicht mehr mittig oder schief.

Ohrringe für Kinder aus der Sicht der Juweliere

Viele Juweliere haben sich auf Grund der zweigeteilten medizinischen Empfehlung dazu entschlossen, ein Mindestalter für das Stechen von Ohrlöchern einzuhalten.

Dieses liegt zumeist bei drei, bei einigen Juwelieren sogar bei vier Jahren. Gesetzt wurde diese Grenze, da gerade Mädchen in diesem Alter erstmalig den Wunsch nach Ohrringen  selbst äußern. Und vor allem den Wunsch selbst äußern können.

Doch nicht nur der eigene Wille des Kindes ist für die Juweliere entscheidend, sondern auch, wie es sich vor Ort verhält. Ist es auf dem Stuhl ängstlich, nervös oder zappelig, so dass es kaum stillhält, werden die Ohrlöcher nicht geschossen.

Zum einen auf Grund der hohen Verletzungsgefahr. Falls das Kind beispielsweise in genau dem Moment des Schießens den Kopf wegreißen bzw. abrupt zur Seite drehen würde. Zum anderen auf Grund der Annahme, dass es einen Unterschied macht, ob das Kind sich einfach nur Ohrringe wünscht oder ob es auch bereit dazu ist, dafür seine Ängste zu überwinden und ganz still zu halten.

Auch interessant:  Tattoos und Piercing in der Schwangerschaft

Ist Letzteres nicht der Fall, gehen auch verantwortungsbewusste Juweliere davon aus, dass das Kind noch ein wenig Zeit braucht. Das Schießen der Ohrlöcher sollte dann besser zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal versucht werden.

Möchte das Kind Ohrringe tragen und die Ohrlöcher dafür beim Juwelier bekommen, sollten Eltern auf jeden Fall nach der Möglichkeit fragen, beide Ohrlöcher parallel zu schießen. Also nicht nacheinander, sondern in beiden Ohrläppchen zeitgleich. Denn damit bleibt dem Kind mindestens eine Schrecksekunde erspart, zwischen denen oftmals eine viel zu lange Zeit für Ängste und Tränen liegt.

Werbung

Ohrlöcher schießen oder stechen lassen?

Da Ohrlöcher streng genommen in den Bereich des Piercings fallen, stellt sich noch die Frage, ob sie lieber geschossen oder gestochen werden sollten. Die Antwort ist eigentlich eindeutig. Denn: Die Pistole, mit der die Ohrlöcher geschossen werden, kann nicht so desinfiziert werden, wie es eigentlich der Fall sein sollte.

Eine Nadel hingegen, die erst kurz vor dem Stechen aus ihrer sterilen Verpackung genommen wird, ist an Hygiene nicht zu überbieten. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass sie vorher schon mit Wundsekret in Berührung gekommen ist, liegt bei Null. Vor allem dann, wenn die Eltern zudem darauf achten, ein Piercing-Studio auszuwählen, dass ebenfalls den gesetzlich vorgeschriebenen Hygienebestimmungen entspricht.

Ein weiterer Vorteil des Ohrloch-Stechens ist, dass die Ohrläppchen vorher mit einem Kältespray vereist werden, so dass das Kind von dem Stich selbst nichts mitbekommt. Im Gegensatz dazu verursacht die Pistole zum Ohrlochschießen eine unangenehme Schrecksekunde, innerhalb der die Ohrläppchen, als sehr heiß empfunden wird.

Das Stechen der Ohrlöcher ist zwar bei einem Piercer ein wenig teurer als beim Juwelier, streng genommen jedoch weitaus hygienischer. Wer also neugierig geworden ist, findet weitere Artikel zum Piercen ebenfalls hier

Nachdenkliches zu guter Letzt

Auch wenn kleine Mädchen im Kindergartenalter den Wunsch nach Ohrringen andeuten, sollten sich die Eltern fragen, ob dies wirklich ein Herzenswunsch ist. Denn ein Fakt bleibt bei allen befürwortenden als auch bei allen dagegen protestierenden Antworten bestehen: Löcher in den Ohrläppchen sind nicht naturgewollt, sonst wären wir von vornherein damit ausgestattet worden.

Die Entscheidung, ob Ohrlöcher ja oder nein, liegt also auch hier – wie so häufig – bei den Eltern. Obwohl sie eigentlich bei nur einer einzigen Person liegen sollte: Nämlich beim Kind selbst. Und zwar nicht im Kleinkindalter, sondern in einem Alter, in dem es für sich selbst entscheinden kann. Im vollständigen Wissen um die Schmerzen, die Entzündungsgefahr und alle weiteren Konsequenzen, die auch später noch eintreten können. Ob das mit drei oder vier Jahren wirklich der Fall ist, sei einmal dahingestellt.

Foto © angiolina Adobe Stock