Gehetzt von der Arbeit, hole ich Luca von meiner Mutter ab. Schon draußen vor der Haustür erahne ich das Drama. Luca weint und schluchzt Unverständliches zu seiner Verteidigung, Oma schimpft lautstark, und mit Öffnen der Tür werden auch die, wenn auch aus dem fernen Wohnzimmer kommenden, verbalen Kanonensalven meines Vaters verständlich, der eigentlich unmissverständlich – weil so oft und gleichmäßig wiederholend – verärgert vor sich hin bölkt, wie undankbar und unerzogen doch dieses Kind sei. Also mein Kind! Das nagelneue Spielzeugauto: Kaputt!

Auslöser der heutigen Familienkatastrophe und ein weiterer Beweis meiner mütterlichen Unfähigkeit: Das neue Spielzeugauto, aus Omas Haushaltskasse heute Vormittag großzügig abgezweigt – also quasi vor wenigen Stunden – und für ihren kleinen Sonnenschein gekauft. Mein Sohn, der kleine Sonnenschein, ist jetzt natürlich kein Sonnenschein mehr, sondern eher ein bemitleidenswerter Wolkenbruch, und das Spielzeugauto ist auch nicht mehr so neu wie vorher, sondern kaputt. Mein kleiner Chefmechaniker, der zwar nicht die geringste Sachkenntnis von Mechanik hat, hat nämlich nicht nur mindestens 7.938 Mal die Leiter hintereinander hoch- und wieder heruntergefahren, bis sie schließlich abgebrochen ist, sondern auch sofort das gesamte Löschmobil begeistert auseinander genommen – und zwar ganz und gar nicht fachmännisch. Dementsprechend ist Luca nun natürlich „undankbar, weiß Geschenke überhaupt nicht zu schätzen, bekommt sowieso immer viel zu viel, und dass, obwohl er ja offensichtlich nicht mit Spielzeug umgehen kann, weil er alles, immer, sofort und absichtlich kaputt macht“. Ich würde es ja eher “kaputt spielen“ nennen. Aber was weiß ich schon? Ich bin ja schließlich nur die Mutter – die unfähige, versteht sich.

Damals war alles ganz anders – und selbstredend viel besser. Also, wer hat Schuld? Natürlich ich! Weil ich Lucas Großeltern trotz wiederkehrender Diskussionen leider noch immer nicht plausibel machen konnte, dass ihr Enkelkind nicht unter mutwilligem Zerstörungsdrang leidet, sondern vielmehr unter einem äußerst gesunden, neugierigen Forschungs- und Entdeckungsdrang. Nicht mehr oder weniger als andere Kinder seines Alters auch, aber das interessiert Oma und Opa herzlich wenig. Denn meine Eltern konnten schon immer gut schlecht hören, aber dafür gut sehen schlecht. Das, was es zu ihrer Zeit – und damit zur Zeit meiner Kindheit – nicht gegeben hat oder gegeben hätte, das gibt es auch heute nicht und hat es nicht zu geben. Davon wollen sie nichts hören, nichts sehen und vor allem nichts wissen. Denn: Ich hätte mein Spielzeug damals schließlich auch zu schätzen gewusst und wäre – laut Aussage meiner Eltern – auch nie auf die Idee gekommen, es mutwillig auseinander zu nehmen. Kleine Anmerkung meinerseits: Wäre ich wahrscheinlich schon, aber ich hatte viel zu viel Angst vor der Strafe. „Aber heutzutage werden die Kinder ja mit Spielsachen überhäuft. Kein Wunder, dass sie es einfach kaputtmachen, morgen bekommen sie ja eh wieder etwas Neues.“

Und natürlich meinen meine Eltern, obwohl sie den Plural “Kinder“ benutzen, damit ausschließlich Luca. Ihr verwöhntes, undankbares und völlig verzogenes Enkelkind, das Löschfahrzeug bösartig – in meinen Augen eher sehr mühsam und äußerst akkurat – in seine Einzelteile zerlegt hat. Zerstörungswut oder Entdeckungsdrang? Was ist es also, was meinen kleinen Sonnenschein dazu antreibt, derzeit jedes Spielzeug auseinander zu nehmen? Zerstörungswut oder Entdeckungsdrang? Explorationstrieb nennen es die Experten. Den natürlichen Drang des Kindes, die Welt und die in ihr vorkommenden Dinge zu verstehen. Kindern reicht es nicht, das Spielzeugauto nur fahren zu lassen, sie möchten wissen, warum es fährt. Und warum raschelt die Stoffmaus, wenn man sie schüttelt, was verbirgt sich in ihrem Inneren? Das muss doch gewissenhaft untersucht werden. Kinder möchten wissen, wie und warum ihr Spielzeug funktioniert, was sich hinter der Oberfläche verbirgt, wie es von innen aussieht. Denn genau auf diese Weise entdecken sie die Welt, lernen Sachverhalte kennen und schließlich Zusammenhänge zu verstehen. Und natürlich erkennen sie im Laufe der Zeit auch, dass nicht alles, was sie auseinander genommen haben wieder zu reparieren ist und werden dementsprechend nach und nach auch wieder vorsichtiger im Umgang mit ihrem Spielzeug. Doch bis dahin lasse ich Luca seinen Explorationstrieb ausleben, denn weder macht er seine Spielsachen aus ungebremster Wut kaputt noch ist er im Allgemeinen nicht sorgsam damit. Denn seinem Lieblingsstofftier, dem Schmusekater Tinger, dürfte niemand – noch nicht einmal er selbst – auch ein Schnurrhaar krümmen. Dennoch: Ein neues Spielzeugauto wird es wohl erst wieder in ein paar Wochen geben.