„Die besten Eltern machen 20 Fehler pro Tag“, sagt der dänische Bestseller-Autor Jesper Juul und findet das absolut normal. Denn auch wenn wir heute viel mehr über Erziehung wissen als jemals zuvor, gibt es dennoch kein Patent-Rezept, um ein Kind zu erziehen. Der berühmte Familien- und Kommunikationsberater Dr. Jan-Uwe Rogge, der ebenfalls Bestseller-Autor ist, votet gleichermaßen gegen den angestrebten elterlichen Perfektionismus und sagt dazu: „Viele Eltern meinen gerade bei der Lektüre von Ratgebern Fehler in der eigenen Erziehung zu entdecken und bekommen ein schlechtes Gewissen. Falsch ist aber nur dann etwas, wenn man weiß, was richtig ist.“

Eltern sollen und müssen Fehler in der Erziehung machen

Viele Eltern schwören sich, dass sie ihre Kinder ganz, ganz, ganz, ganz anders erziehen werden als sie selbst erzogen wurde. Dinge zu verbessern, die verbesserungswürdig sind, ist dabei ein ehrenhaftes Ziel. Oftmals erwischen sich Eltern dann doch dabei, dass sie genau das sagen oder tun, was ihnen in ihrer eigenen Erziehung so verhasst war.

Fehler die Eltern machen

Spätestens die Pubertät des eigenen Sprösslings bietet dafür eine Reihe an Gelegenheiten. Angefangen beim Klassiker

  • “Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst“
  • über “Du machst das jetzt, weil ich das gesagt habe“
  • bis hin zu “So gehst Du mir nicht aus dem Haus, was sollen denn die Nachbarn denken?“

Auch wenn Sie sich für solche Sätze irgendwann einmal in Grund und Boden schämen werden, weil Sie von sich selbst enttäuscht sind, Fehler sind nun einmal dazu da, um gemacht zu werden.

Eigene Fehler eingestehen und Fehler wieder gutmachen

Allerdings: Wer Fehler macht, sollte diese nicht nur sich selbst, sondern auch seinem Kind gegenüber eingestehen können und sich diesem erklären. Wenn es einen Grund gibt, sich für sein elterliches Verhalten beim Kind zu entschuldigen, dann sollte diese natürlich auch ehrlicher- und ernsthafter Weise erfolgen. Denn nur dann fördern die Fehler, die gemacht wurden, die Erziehung. Oder anders gesagt: Kein Kind der Welt möchte perfekte Eltern!

Perfektionismus als Entwicklungsbremse

Berufstätige Mütter plagt ständig das schlechte Gewissen, weil sie entweder bei ihrem Kind sind und das Gefühl haben, ihren Job zu vernachlässigen, oder weil sie gerade beim Job sind und das Gefühl haben, ihr Kind vernachlässigen.

Oftmals geht es Vätern genauso, da sie das Gefühl haben, in der Entwicklung ihres Kindes zu viel zu versäumen, von der Erziehung ganz zu schweigen. Wieder andere messen die Erziehung ihrer Kinder daran, wie Sie darin von anderen bewertet werden. Sei es innerhalb der eigenen Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft oder auch von anderen Müttern in Kindergarten, Schule oder Sportverein.

Und dann gibt es natürlich noch diejenigen, die so in der Erziehung aufgehen und ihrem Kind jede Enttäuschung, jede Niederlage und jede Gefahr zu ersparen versuchen.

Alle benannten Beispiele oder Gruppen streben dabei nach einem absolut überflüssigen Perfektionismus. Denn natürlich läuft nicht immer alles reibungslos. Versucht man aber dennoch, diese Traumwelt seinen Kindern vorzuleben, hemmt man ihre Entwicklung.

Kinder brauchen menschliche Eltern mit „Ecken und Kanten“

Denn Kinder – ganz gleich welchen Alters – brauchen Eltern, die menschlich sind. Mütter und Väter zum Anfassen. Keine Eltern, die auf einem Sockel stehen, weil sie so perfekt sind. Eltern, in deren Gegenwart sich jedes Kind spätestens in der Pubertät minderwertig, unbegabt und klein fühlt.

Perfektionismus fördert Enttäuschung

Was den Perfektionismus jedoch besonders gefährlich macht, ist die immer wiederkehrende Enttäuschung. Eltern, die sich zu hohe Ziele setzen, werden früher oder später enttäuscht. In dieser Enttäuschung, die spätestens in der Pubertät zu einem Gefühl des ständigen Scheiterns heranwachsen kann, suchen sie den Schuldigen dann oftmals nicht mehr in sich selbst, sondern auch in ihrem Kind, das gegen ihre perfekte Erziehung resistent gewesen zu sein scheint. Und genau das ist absolut nicht fair – weder dem Kind gegenüber noch diesen Eltern selbst gegenüber.

Achtung, Zuneigung und Ehrlichkeit: Das Erziehungsprinzip für die Kleinsten

Wer natürlich erst in der Pubertät versucht, seinem Kind nicht mehr alles recht zu machen, um bis dahin das Gefühl zu haben, sein Bestes zumindest versucht zu haben, hat schon verloren.

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Schon kleine Kinder möchten sich ernst genommen fühlen. Und das funktioniert am besten, wenn die Eltern auch ehrlich zu ihm sind. Wenn das Kind beispielsweise nicht zur Tagesmutter gehen möchte, sollte zuerst nach dem Grund gefragt werden. Ist dieser Grund verständlich bzw. nachvollziehbar, das Kind aber spontan nicht woanders unterzubringen, sollte dies dem Kind erklärt werden – und zwar genau so wie es ist.

Dass Mama zur Arbeit muss und nicht fehlen darf, weil sie sonst ihren Job verliert. Und dass die Mama ihren Job verliert und dann ganz traurig ist, möchte wohl kein Kind. Natürlich wird der oder die Kleine enttäuscht sein. Aber diese Enttäuschung kann es verarbeiten. Es wurde ernst genommen, seine Beweggründe hinterfragt, und Mama hat erklärt, warum er oder sie heute “leider“ auf jeden Fall noch einmal zur Tagesmutter muss.

Danach allerdings gilt es dann, eine neue Lösung zu finden, die allen Beteiligten gerecht wird.

Die beiden Fehler, die in solchen Situationen oftmals gemacht werden, sind:

1. Die Mutter will ihr Kind auf gar keinen Fall gegen seinen Willen aus dem Haus geben. Sie ruft stattdessen ihre Arbeitsstelle an und meldet sich krank. Oder

2. Dem Kind wird, ohne das Warum zu hinterfragen, einfach gesagt, dass es nicht anders geht und es den Tag auf jeden Fall bei der Tagesmutter verbringen wird, weil Mama zur Arbeit muss.

Nimmt die Mutter ihr Kind hingegen ernst, hinterfragt seine Beweggründe und stellt auch ihre dar, behandelt sie ihr Kind als gleichberechtigten Partner. Und damit wären wir beim Kern der Erziehung angelangt.

Erziehung ist eine Partnerschaft

Denn Erziehung ist ebenfalls eine Partnerschaft, in der beiden Parteien mit Respekt, Achtung und Würde behandelt werden möchten. Und wenn Sie jetzt überlegen, wie oft und welche Fehler Sie schon in normalen Partnerschaften gemacht haben, dann ist Ihnen klar, warum sich auch Fehler in der Erziehung nicht vermeiden lassen und auch nicht vermeiden lassen sollten.

So lange Sie Ihr Kind mit Achtung, Zuneigung und Ehrlichkeit behandeln, sind Fehler absolut erlaubt. Sie stärken sogar die kindliche Entwicklung, weil es die Welt dann nicht nur mit Kinderaugen kennen lernt, sondern auch durch die Augen seiner Eltern sieht.

Try and Error: Das Erziehungsprinzip für die Größeren

Natürlich gilt auch bei den größeren Kids das Prinzip von Achtung, Zuneigung und Ehrlichkeit. Aber da beispielsweise gerade die Pubertät eine äußerst schwierige Phase für die Teenager darstellt, ist dieses Prinzip unvermeidlich an Fehler gekoppelt. In der Pubertät verändern sich die Kinder, werden langsam aber sicher zu Erwachsenen. Und die bisherige Eltern-Kind-Beziehung darauf abzustimmen, klappt bei wohl niemandem, ohne dass dabei Fehler unterlaufen.

Diese Fehler sind aber für die Heranwachsenden wichtig. Denn wenn Eltern Fehler machen, ihr Handeln überdenken, zu dem Schluss kommen, dass es falsch war, auf ihr Kind zugehen, sich entschuldigen, erklären und versprechen, es beim nächsten Mal anders zu machen oder zumindest versuche, es anders zu machen, dann zeigen Sie Ihren Kindern, dass auch sie nicht vollkommen sind.

Pubertät bedeutet nicht nur für die Teenies, sondern auch für die Eltern “Try and Error“. Und genau das ist eine willkommene Abwechslung zu dem eigenen Unvollkommenheitsgefühl, das den Teenager seine gesamte Pubertät über begleitet. Wenn er schon früh erkennen durfte, dass man eben nicht perfekt sein muss und auch die eigenen Eltern es nicht sind, dann macht ihm der physische und psychische Veränderungsprozess , den er während der Pubertät durchläuft, weitaus weniger aus bzw. kommt er damit wesentlich besser zurecht.

Und: Hat er sich falsch verhalten oder falsch reagiert, wird es ihm auch viel leichter fallen, sich ebenfalls zu entschuldigen und sein Verhalten beim nächsten Mal umzustellen. Weil er sich trotz all seiner Fehler jederzeit von den Eltern angenommen fühlen und er selbst seine Eltern trotz all ihrer Fehler annehmen kann.

Erziehung ist kein Leistungssport

Meistens funktioniert Erziehung am besten, wenn Eltern einfach auf ihr Bauchgefühl hören und sich nicht ständig fragen, ob sie vielleicht in der Vergangenheit Fehler gemacht haben. Rückgängig zu machen, sind diese ohnehin nicht.

Wer wirklich an sich arbeiten möchte, der sollte sich vielleicht besser an den folgenden Satz von Albert Schweitzer halten:

„Keine Zukunft vermag wieder gut zu machen, was Du in der Gegenwart versäumst!“

Wer also heute damit anfängt, sein Kind jederzeit mit Achtung zu behandeln und damit aufhört, Fehler krampfhaft vermeiden zu wollen, ist schon auf dem besten Weg zur vielleicht perfekten Erziehung. 

Oder wie es Jan-Uwe Rogge formuliert hat:

„Es ist schwieriger, Fehler in der Erziehung ständig zu vermeiden, als sich den Schwierigkeiten offensiv zu stellen.“