Zum mindestens 12. Mal innerhalb der letzten 15 Minuten ging Emmi zum Fenster und schaute hinaus. Aber anscheinend hatte der blöde Regen draußen immer noch nicht vor, mit seinem tropfenden Getue endlich einmal aufzuhören. Dabei hatte sich Emmi so auf den heutigen Tag gefreut. Schließlich war heute ihr letzter Ferientag. Und genau der sollte eigentlich noch einmal etwas ganz Besonderes werden, weshalb sie auch schon so früh auf den Beinen oder wie ihre Mama sagen würde: Aus dem Bett gefallen war. Aber anscheinend hatte der Regen draußen nichts Besseres zu tun, als ihren letzten Ferientag buchstäblich ins Wasser fallen zu lassen.

Seufzend wandte sich Emmi vom Fenster ab und schaute auf den hübschen Picknickkorb mit der niedlichen Schleife, den sie von ihrer Oma zum Geburtstag bekommen hatte und der nun wartend auf dem kleinen weißen Tisch in ihrem Zimmer stand. Natürlich schon seit gestern Abend fix und fertig gepackt mit dem leuchtend-roten Plastikgeschirr, dem rot-weiß-gepunkteten Fliegen-Pilz-Besteck, den bunten Papier-Servietten und der kleinen Tüte Weingummi, die Emmi ebenfalls von ihrer Oma bekommen hatte.

Ein letzter Blick zum Fenster und Emmi wusste, dass ihre Eltern heute auf gar keinen Fall mit ihr zum Picknicken in den Wald fahren würden. Denn jetzt, so kam es ihr zumindest vor, trommelten die Regentropfen noch viel rhythmischer an die Fensterscheibe als zuvor. „So ein Mist!“, dachte Emmi und folgte dann dem Ruf ihrer Mutter, die gerade aus der Küche zum Frühstück rief.

Obwohl sie es wirklich so gut es ging, versuchte, konnte Emmi vor ihrer Mutter nicht verbergen, wie enttäuscht sie war. „Hey, meine Kleine, sei doch bitte nicht so traurig. Aber bei dem Wetter können wir wirklich nicht picknicken gehen“, versuchte ihre Mama sie deshalb auch prompt zu trösten, als Emmi sich mit missmutigem Gesicht an den Küchentisch setzte.

„Wer will denn bei dem Wetter in den Wald? Ich bestimmt nicht!“, erwiderte Emmi, wobei es ihr aber leider nicht gelang, den schmollenden Unterton in ihrer Stimme zu verbergen. Also fuhr sie ganz schnell fort: „Mama, ist ehrlich nicht schlimm. Eichhörnchen, Hasen oder Rehe würde ich ohnehin nicht sehen, oder meinst Du wirklich, die springen bei dem Wetter heute fröhlich in Gummistiefeln durch die Pfützen?“ Emmis Mutter schmunzelte: „Hmh, vielleicht nicht gerade mit Gummistiefeln an den Pfoten, aber vielleicht mit lustigen bunten Regenhüten auf ihren hübschen pelzigen Köpfen!“

Emmi musste bei der Vorstellung anfangen zu kichern, ob sie nun wollte oder nicht. Denn ihre Mutter wusste einfach immer, wie sie sie zum Lachen bringen konnte.

„Hey, meine Kleine, ich verspreche Dir, wir machen uns auch so einen schönen Sonntag!“, lachte nun auch Emmis Mutter. Und Emmi nickte schon viel fröhlicher als noch in ihrem Zimmer, denn sie wusste, dass ihre Mama das Versprechen wahr machen würde.

Und genau das tat Emmis Mutter auch. Nach dem Frühstück kuschelten sich die beiden mit Emmis Vater zusammen noch einmal faul ins Bett und schauten alle gemeinsam Emmis Lieblingsfilm “Bambi“. Den hatte Emmi bestimmt schon mindestens 20 x gesehen, aber sie liebte Rehe einfach über alles und konnte gar nicht genug von ihnen bekommen. Genau genommen liebte Emmi nicht nur Rehe, sondern  eigentlich alle Tiere, die im Wald lebten, weshalb sie sich ja auch so auf das Picknick gefreut hatte. Aber Rehe waren nun einmal doch etwas ganz Besonderes für Emmi.

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Doch nach einer ausgiebigen Kissenschlacht, dem Ausgekitzelt-Werden durch ihren Papa und einem tollen Nachmittag, den alle gemeinsam mit Malen, Basteln, Backen und Puzzeln verbracht hatten, konnte Emmi gar nicht mehr sagen, ob das Picknick im Wald wirklich schöner als dieser gemeinsame Sonntag Zuhause gewesen wäre. Und so stellte sie am Abend, ohne allzu traurig zu sein, den Picknickkorb wieder zurück an seinen Platz im Regal und fing an, ihren Tornister für den ersten Schultag nach den Ferien zu packen.

Emmis Mutter hingegen heckte zum gleichen Zeitpunkt gemeinsam mit ihrem Mann etwas ganz Anderes aus. Was genau, das erfuhr Emmi als sie am nächsten Nachmittag aus der Schule zurück nach Hause kam. Denn gerade, als sie in ihr Zimmer gehen wollte, um ihren Tornister ordentlich abzustellen, wurde Emmi von ihrer Mutter liebevoll ermahnt:  „Sei bitte vorsichtig, sonst erschreckst Du die Tiere!“

„Was denn für Tiere?“, fragte Emmi, die sich auf ihrem Absatz umdrehte und ihre Mutter stirnrunzelnd ansah. Denn Emmi wusste ganz genau, dass sie keine Tiere hatte. Noch nicht einmal einen Kanarienvogel oder eine Wüstenrennmaus. Wen also sollte sie da erschrecken?

Emmis Mutter lachte nur in sich Hinein, erklärte jedoch nichts und wiederholte nur noch einmal, worum sie Emmi bereits vorher schon gebeten hatte: „Sei einfach behutsam und leise, mein Schatz!“

Emmi schüttelte verwundert den Kopf, überlegte kurz, ob sie wirklich in ihr Zimmer gehen sollte, aber, was soll ich euch erzählen? Natürlich siegte ihre Neugier. Als Emmi also vor ihrer Zimmertür stand, atmete sie noch einmal tief durch und versuchte, auf alles, was sich dahinter verbergen würde, gefasst und vorbereitet zu sein. Erst dann drückte sie vorsichtig die Klinke hinunter.

Als sie jedoch in ihr Zimmer blickte, konnte sie überhaupt nicht mehr leise sein, sondern quiekte – im Gegenteil – vor Freude laut auf. Denn das, was da vor ihr lag, das war nicht mehr länger ihr Kinderzimmer, das war ein ganzer Wald!

Denn auf alle Wände waren riesige Bäume gemalt worden, in denen sich teilweise sogar kleine Eichhörnchen versteckten. Emmis Stofftiere, die vorher ihren festen Platz in einem Regal hatten, waren nun über den ganzen Raum verteilt. Ihre Plüschhasen beispielsweise fand sie in einem kleinen Bau vor ihrem Bett wieder, den Emmis Vater aus Pappkartons zusammengesteckt hatte.

Die Zimmerdecke erstrahlte in einem sonnigen Gelb und von ihr herab schwebten strahlend-weiße Wattewolken und kurz vor dem Fenster ein nagelneues Mobile. Um genau zu sein, ein Mobile in Form eines Bienenstocks, um den herum sich ganz viele fleißige Arbeitsbienchen bewegten.

Und noch etwas konnte Emmi auf den ersten Blick erfassen: Ihr Teppichboden war erneuert worden und erstrahlte nur in einem satten Grün, wodurch ihr gesamtes ehemaliges Kinderzimmer nun wie eine Wald-Lichtung wirkte. Mitten auf dieser Lichtung:  Der hübsche Picknickkorb mit der niedlichen Schleife, neben dem es sich Emmis riesiges Plüsch-Rehkitz bereits gemütlich gemacht hatte.

Emmi strahlte, jubelte, jauchzte und fiel ihren Eltern, die hinter ihr ins Zimmer gekommen waren, dankbar um den Hals. Denn dadurch, dass ihre Eltern ihr Kinderzimmer in einen Wald verwandelt hatten, das wusste Emmi, konnte sie nun picknicken, wann immer sie wollte. Und beim nächsten tropfenden Regen-Getue würde sie genau das machen. Denn wer lässt sich schon vom Regen die gute Laune verderben?!