Es gibt Namen, bei denen weiß man sofort, aus welcher Generation sein Träger oder seine Trägerin stammt. Plus/ minus zwei bis Jahre, damit trifft man der Schätzung des Alters fast immer ins Schwarze.

Solche Modenamen sind zwar im Baby-/ Kleinkindalter süß, werden aber spätestens in Kindergarten oder Schule anstrengend – für die Betreuer, die Lehrer als auch für das Kind selbst.

Während Kinder heutzutage elbische Namen aus Tolstois “Herr der Ringe“ tragen, nach dem Ort ihrer Zeugung “San Diego“ oder nach Hollywood-Schauspielern wie “Keanu“ benannt werden, standen die Mütter meiner Geburtsgeneration definitiv auf Schmusesänger Bata Illic. Entsprechend trugen fast alle Mädchen in meiner Klasse den Songtitel “Michaela“ als Vornamen, oder bekamen einen ähnlich klingenden verpasst: Manuela, Daniela oder auch Martina und Martine, um die M-Frequenz des Anfangsbuchstaben zu erhöhen.

Während Silke, Florian, Hendrick, Miriam und alle anderen immer sofort wussten, dass genau sie gemeint waren, wenn der Lehrer nach vorne an die Tafel bat, schauten sich alle Michaelas, Manuela, Martinas und Danielas im Raum erst einmal suchend um, sobald einer ihrer Namen fiel, denn a) kam jeder der Namen in meiner Klasse mindestens zweimal vor und b) neigten die Lehrer generell dazu – das hatte sich sehr schnell herausgestellt –, die Namen untereinander zu verwechseln.

Eine der insgesamt drei Michaelas aufzurufen, war noch lange nicht gleichbedeutend damit, auch wirklich eine der drei gemeint zu haben.

Noch verwirrender war es jedoch, im Fach Mathematik herauszufinden, wer gemeint war. Denn unser Mathematiklehrer, unverkennbar ein Genie der Logik, nannte einfach jedes Mädchen in der Klasse “Michaela“. Seine Begründung dahinter: „Die Trefferquote liegt einfach am höchsten!“

Schöner sind da doch eigentlich die außergewöhnlichen Vornamen, die eben nicht jeder trägt. Das zumindest dachte ich, bis ich meinem Göttergatten und damals angehendem Kindsvater mit strahlenden Augen vorschlug, unsere erste gemeinsame Tochter bedeutungsvoll “Solea Luna Estelle“ zu nennen.

Mich mit hochgezogenen Augenbrauen mitleidsvoll ansehend und kurz darauf hektisch auf die Uhr blickend, war das mit Sicherheit der erste Moment, in dem er sich fragte, ob es wohl noch möglich sei, unsere Ehe auf Grund meines offensichtlichen Verlustes des gesunden Menschenverstandes annullieren zu lassen. Diesem ersten Moment folgten bei jedem Namensvorschlag meinerseits noch viele, viele weitere.

Heute trägt unsere Mini-Madame nach den altbekannten Regeln des Wohlklangs einen kurzen nicht außergewöhnlichen Vornamen zu unserem längeren Nachnamen, wofür ich meinem Göttergatten sogar ein wenig dankbar bin. Dafür, dass er sich so gar nicht für meine kreative Namensfindung erwärmen konnte und dafür, dass er sich dann doch nicht gleich wieder von mir hat scheiden lassen.

Denn wie schwierig es ist, sich außergewöhnliche Namen zu merken, weiß ich jetzt aus eigener Erfahrung. Kein Problem, wenn mal ein einzelner hervorsticht, aber die Namen der Kindergartenfreundinnen und –freunde meiner kleinen Madame sowie sämtlicher Kinder meines eigenen Freundeskreises lesen sich wie das Who-is-Who der skurrilsten Zungenbrecher – weniger in gereimter Form, aber dafür in einer schier nie enden wollenden Aneinanderreihung von Vornamen. Hier findet sich alles von Gioia Emilia Mairalen Sue, über Rahel Rhea Noemi Patrice bis hin zu Leander Luca Alexis Cassian Dean und Levy Benett Maurice Nolie.

Überflüssig zu erwähnen, dass die Kinder zumeist – glücklicherweise – nur mit dem ersten Vornamen gerufen werden, es sei denn, Mami ist gerade böse mit ihnen. Dann nämlich werden alle Vornamen wie Kanonensalven aneinander gekettet. Und wenn Mama so richtig wütend ist, folgt der Nachname klangvoll direkt hinterher. Wen wundert es da noch, dass Kinder ihren zweiten, dritten und vierten Namen oftmals nicht mögen? Früher nannte man das “klassische Konditionierung“.

Mein Bruder hingegen hat es richtig gemacht und seinem kleinen Töchterchen einen schönen klassischen und nicht außergewöhnlichen Vornamen gegeben: Sarah!

Oder etwa doch nicht? Denn eigentlich heißt sie nicht Sarah, auch nicht Zarah, sondern “ßarah“, mit zischelnd gesprochenem “s“, oder auch als “ß“ bekannt.

Ja, versuchen Sie es ruhig mal, bei mir hat das mit der Aussprache auch nicht auf Anhieb richtig funktioniert. Ebenfalls überflüssig zu erwähnen, dass der stolze Kindsvater mir direkt einen Rüffel dafür verpasste. Auf meinen diskreten Hinweis, dass sich diese Aussprache eh nicht durchsetzen wird, weil die Kleine spätestens im Kindergarten ganz normal Sarah genannt werden würde, erntete ich ein steifes: „Aber wenigstens die Familie sollte den richtigen Namen verwenden, das ist ja wohl nicht zu viel verlangt!“

Heute, drei Jahre später, nenne ich sie brav “ßarah“, während alle anderen – auch Mama und Papa höchstpersönlich – sie Sarah rufen, weil das mit dem zischelnden “s“ im Kindergarten und bei den Nachbarskindern wohl doch nicht so richtig geklappt hat. Ach, echt nicht?!

Aber was lasse ich mich hier eigentlich über Modenamen, Zungenbrecher und Aussprachevarianten aus? Ich bin so ziemlich die Letzte, die sich ein Urteil darüber erlauben darf, schließlich wollte ich meine Tochter bedeutungsvoll “Sonne, Mond und Sterne“ nennen. Der Blick meines Göttergatten zur Uhr damals unterstrich übrigens eindringlich die Bewertung meines Namenvorschlags: „Warum nennst Du sie nicht gleich VIERTEL VOR ZWÖLF!?“