Es gibt sie, diese Eltern, denen es völlig egal ist, ob der gemeinsame Nachwuchs ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge wird. Hauptsache, er, sie, es ist gesund. Doch es gibt auch viele Frauen, die Angst davor haben, bei einem kleinen Jungen so ziemlich alles falsch zu machen, was man so falsch machen kann. Denn: Woher soll Frau auch wissen, wie sie einen kleinen Jungen richtig erziehen, damit er sich gesund entwickeln kann?

Dass viele von ihnen weitaus mehr brauchen, als sie heutzutage bekommen, zeigen die Erhebungen, dass Jungen bei psychischen Problemen mittlerweile die Spitzenrolle einnehmen. Mit einer Häufigkeit, die fast schon erschreckend ist.

Der Rowdy im Kindergarten – zumeist ein Junge

Der störende Klassenclown – fast immer ein Junge

Die gewalttätige Schulhofbande – mit sicherer Wahrscheinlichkeit Jungen

Die Schulverweise – hauptsächlich ausgesprochen gegen Jungen

ADHS – mit erschreckenden 85% diagnostiziert bei Jungen

Die Ambulanzen der Psychiatrien – geflutet von Jungen

Der jugendliche Strafvollzug – hauptsächlich durch männliche Jugendliche besetzt

Jungen reden nicht, sie handeln

Wie oft hat Frau sich schon bei der besten Freundin ausgeheult, weil es in der eigenen Beziehung kriselte, sie sich unverstanden fühlte, der Mann an der Seite dicht gemacht hat und nicht reden wollte? Trotzdem wissen wir alle: Männer reden einfach nicht gerne und insbesondere sehr ungern darüber, wie oder was sie fühlen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, sind aber leider noch immer viel zu selten.

Jungen zu erziehen, bedeutete für die Eltern der heutigen Generation unserer Lebenspartner noch mit Erziehungsregeln wie “Richtige Männer weinen nicht!“ oder “Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ aufzuwachsen. Deshalb wird die so genannte weibliche Seite von ihnen auch oftmals souverän verdrängt. Trotzdem sind die Männer an unserer Seite deswegen nicht psychisch krank. Denn auch wenn die Erziehung, die sie genossen haben, uns auch heute noch so manches Mal an den Rand der Verzweiflung bringt, so konnten sie damals zumindest eins sein: richtige Jungen! Sie hatten die erforderliche Freiheit dafür und vor allem: die entsprechenden Vorbilder!

Jungen erziehen: Fehlen des männlichen Rollenvorbildes

Bei den Jungen von heute ist das anders: Sie wachsen nicht mehr mit einem typisch männlichen Rollenvorbild auf, sondern werden fast ausschließlich von Frauen erzogen – und dass nicht etwa, weil die Eltern sich getrennt haben. Erziehung liegt auch im 21. Jahrhundert noch immer weitestgehend in Frauenhand. Vielleicht sogar stärker als jemals zuvor. Denn auch die Männer von heute sind sich nicht mehr sicher, was das typische männliche Rollenbild eigentlich von ihnen erwartet. Dafür haben weibliche Eigenschaften in der Gesellschaft mittlerweile einen viel zu hohen Stellenwert eingenommen. Angefangen bei dem Geschick zu kommunizieren über soziale Kompetenzen bis hin zur Empathiefähigkeit.

Dementsprechend können die meisten Frauen – ganz gleich, ob Mutter, Erzieherin oder Lehrerin – mit den angeborenen und demnach typischen Verhaltensweisen kleiner Jungen auch wenig anfangen. Doch gerade diese typischen Verhaltensweisen sind für kleine Jungen sehr, sehr wichtig, um sich gesund zu entwickeln.

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Denn:

Kleine Jungen wollen toben, raufen und kämpfen. Sie wollen sich mit den anderen messen und ihre Kräfte einsetzen. Das allerdings kommt heutzutage in Kindergarten und Schule überhaupt nicht gut an. Eher erntet man als Eltern verächtliche Blicke, wenn man seinem Sohn erlaubt, wie ein Ritter mit Schwertern, ein Cowboy mit Pistole oder ein Indianer mit Pfeil und Bogen zu kämpfen. Nicht selten gefolgt von einer Moralpredigt, dass all diese Spielzeuge kriegsverherrlichend seien und Kindern beibringen würden, dass man Konflikte besser mit Waffen als durch Worte löst. Als ob es darum im kindlichen Spiel gehen würde!

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Wie auch? Meistens spielen Jungen mit ihrem besten Freund. Und niemals würden sie diesem absichtlich wehtun! Es geht nur darum, herauszufinden, wer der Geschicktere ist, wer der Stärkere, wer der bessere Stratege. Das können sie allerdings nicht herausfinden, indem sie sich im Kindergarten im runden Kreis hinsetzen und darüber reden. Und ganz abgesehen davon, sind Jungen viel agiler und brauchen dementsprechend sehr viel mehr an Bewegung, um sich auszupowern.

Jungen brauchen Wettbewerbe genauso sehr wie Kuscheleinheiten

Was also brauchen kleine Jungen, um sich seelisch gesund zu entwickeln? Sie brauchen vor allem Vorbilder, die ihnen zeigen, dass sie sowohl stark als auch schwach sein dürfen. Die sie darin unterstützen, sich mit anderen im Spiel oder im Sport zu messen, um ihre eigenen Stärken und Schwächen zu entdecken. Sie brauchen Vorbilder, die sie in den Arm nehmen, wenn sie sich hilflos fühlen und die sie fördern, wenn sie sich unsicher fühlen und sich bestimmte Dinge nicht zutrauen. Die ihnen vorleben, dass man sich wegen seiner Ängste nicht schämen muss, sich ihnen aber stellen kann.

Kurz: Sie brauchen einfach Bezugspersonen, die wissen, dass kleine Jungen anders sind als kleine Mädchen und lieber den Clown mimen als zuzugeben, dass sie in bestimmten Situationen einfach überfordert sind. Sie brauchen Menschen, die sie so nehmen wie sie sind und versuchen, das Beste aus ihnen herauszuholen. Und das, obwohl sie in eine Kultur hineingeboren werden, in der weibliche Eigenschaften stärker wiegen als männliche.

Was Mütter und Väter tun können

Hier sind natürlich vor allem die Väter gefordert: Leben diese ihrem Kind vor, dass Männer nicht das Eine oder das Andere sein müssen, sondern sowohl stark als auch schwach sein können, dann tragen sie maßgeblich dazu bei, dass sich ihr Sohn gesund entwickeln und einfach er selbst sein kann: Ein kleiner oder größerer Junge mit Stärken, für die er bewundert wird und mit Schwächen, für die er geliebt wird.

Für beide Elternteile gilt:

Auch kleine Jungen brauchen viel Liebe, viele Kuschelrunden und vor allem eine Erwartungshaltung, die ihnen gerecht wird. Gerade viele Mütter denken noch immer, dass Jungen früher selbstständig werden müssten als Mädchen. Warum sollten sie? Sie fühlen sich ohnehin oftmals unsicher genug.

Nur: Sie sagen es nicht, sondern kompensieren es durch Verhaltensweisen, die oftmals nicht passend, aber eben typisch männlich sind. Mütter sollten deshalb genauer hinschauen, ob sie ihren Sohn nicht vielleicht hin und wieder überfordern, die Erwartungshaltung einen Gang herunterschrauben und stattdessen für viel körperlichen Ausgleich und Bewegung sorgen.