Tick-Tack-Opa Ottfried ist nicht nur Tills Ur-Großvater, sondern auch sein bester Freund. Bei ihm riecht es immer so herrlich nach Pfeifenduft! Und abends, wenn die beiden zusammen auf dem Balkon sitzen, erzählt Tick-Tack-Opa Ottfried immer die allerbesten Geschichten. So auch heute Abend. Denn Till darf das ganze Wochenende bei seinen Ur-Großeltern verbringen. Zu dritt sitzen sie nun auf dem Balkon, und Till erzählt aufgeregt von seinem neuen Schulweg.

Nein, Till wird nicht erst eingeschult, aber da er mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder Tim vor zwei Wochen umgezogen ist, ist der Weg zu seiner alten Schule zu weit. Und so kommt er auf eine neue und damit auch in eine ganz neue erste Klasse.

„Ich muss nur über zwei kleine Kreuzungen, an denen ich zuerst nach links, dann nach rechts, und dann noch einmal nach links schauen muss, dann noch einmal rechts abbiegen, und schon bin ich bei meiner neuen Schule angekommen!“, erklärt er stolz.

Dann jedoch wird seine Stimme ganz leise und traurig: „Ich weiß nur noch nicht, mit wem ich dort in den Pausen spielen soll. Oder neben wem ich sitzen darf. Und ob mich die anderen Kinder mögen werden. Vielleicht werde ich in den Pausen ja auch ganz alleine sein!“ Eine kleine Träne blinzelt  in seinen Augen, und Till schaut tapfer auf den Boden. Aber Tick-Tack Opa Ottfried hat die kleine, verräterische Träne gesehen.

Er beugt sich zu seinem Ur-Enkel hinunter und gibt ihm einen dicken Kuss auf die Wange, denn damit konnte er Till schon immer zum Lachen bringen. Und Tick-Tack-Opa Ottfried schafft es auch diesmal wieder.

Till quiekt laut auf und lacht: „Opa, Du weißt ganz genau, dass Dein Bart kitzelt!“

Auch Tills Ur-Oma lacht: „Damit ärgert mich Dein Ur-Großvater Tag für Tag. Jeden Morgen schicke ich ihn ins Badezimmer, damit er sich rasiert, aber jeden Abend scheinen Hunderte von Haaren aus irgendeinem geheimnisvollen Versteck zu kriechen und ärgern mich aufs Neue.“

In diesem Moment läutet die Kirchturmuhr neun Mal, und die Oma fragt sogleich, ob es nicht langsam an der Zeit sei, ins Bett zu gehen.

„Ooch“, murrt Till.

„Geh’ schon mal!“, sagt Tick-Tack-Opa Ottfried. „Wir kommen gleich nach! Ich möchte mit meinem Ur-Enkel noch kurz etwas besprechen. Du weißt schon: So von Mann zu Mann!“

„Genau, reine Männersache!“, ruft Till sofort begeistert und rückt mit seinem Stuhl etwas näher an seinen Ur-Großvater heran.

 

Die Oma lacht:  „Einverstanden, dann lasse ich meine beiden Männer mal allein. Aber wenn die Kirchturmuhr 11 Mal schlägt…“

„Gehen wir auch ins Bett!“, rufen Till und sein Ur-Großvater wie aus einem Mund.

Wenig später sitzen die beiden also allein auf dem Balkon, und Tick-Tack-Opa Ottfried stopft sich eine neue Pfeife. Dabei streift sein Bart oftmals über den Tabak, so dass sich einige vorwitzige Tabakkrummen in seinem Bart festsetzen. Till zupft seinem Lieblings-Opa die kleinen Krümel liebevoll aus dem Bart und fragt ihn nachdenklich: „Sag mal, Opa, warum ist Dein Bart eigentlich so lang?“ Denn dass ein so langer Bart oftmals sehr störend sein kann, das zeigen Till die vielen kleinen Krümel, die er weiterhin vorsichtig aus Opas Gesicht pflückt.

Für einen Moment denkt Tick-Tack-Opa Ottfried nach. Dann reibt er sich mit der Hand übers Kinn, zieht an seiner Pfeife und fragt: „Weißt du eigentlich, mein Junge, wie viele Jahre ich älter bin als du?“ Till überlegt und zuckt dann mit den Schultern. Denn er weiß es wirklich nicht.

„Als ich so alt war wie du, hatte ich noch keinen Bart. Der kam erst Jahre später – erst ganz langsam mit einem winzigen Flaum und dann wurde er voller und voller. Till ist begeistert, er streicht sich über sein kleines, glattes Kinn und ruft: „Wenn ich groß bin, dann möchte ich auch ´mal so einen Bart haben.“

Sein Ur-Großvater lacht: „So einfach ist das aber nicht. Es gibt nämlich ein Geheimnis, das auch Deine Ur-Oma nicht kennt. Aber Dir, mein Junge, möchte ich es heute verraten, wenn Du versprichst, es für Dich zu behalten, einverstanden?“

Till ist so aufgeregt, dass er erst einmal nur stottern kann: „Ver- ver- ver-versprochen!“ Aber dann kommt es ganz flüssig hinterher: „Ganz doll großes Ehrenwort!“

„Na dann“, erwidert Tick-Tack-Opa Ottfried und beginnt mit seiner Geschichte:

„Jedes einzelne Barthaar steht für eine schöne Erinnerung in meinem Leben. Und weil ich mich an so viele schöne Dinge erinnern kann, habe ich auch so viele Haare im Gesicht. Siehst du hier – diese weißen Haare?“, fragt er und zeigt dabei auf eine Stelle in seinem Bart, die aus vielen Hunderten, fast schneeweißen Haaren zu bestehen scheint. Till nickt.

„Diese Haare sind schon sehr, sehr alt. Nicht so alt wie ich, aber viel jünger sind sie auch nicht. Sie erinnern mich an meine Grundschulzeit und besonders an den Tag meiner Einschulung.

Ja, ich weiß es noch ganz genau, wie mir meine Mutter – also deine Ur-Ur-Großoma – erklärte, dass ich bald in die Schule käme. Ich schaute genau wie du vorhin auf den Boden, damit keiner sehen konnte, wie viel Angst ich hatte und fragte leise: Ob ich dort dann auch neue Freunde finden werde?“

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Till schaut seinen Großvater mit großen Augen an, kuschelt sich noch näher an ihn heran und fragt erwartungsvoll: „Und – hast du? Ich meine, hast du dort neue Freunde gefunden?“ „Nun – hör zu, was ich dir jetzt erzählen werde“, antwortet Tick-Tack-Opa Ottfried.

„An meinem ersten Schultag hat mich natürlich meine Mutter zur Schule gebracht, so wie es Deine bei Deiner Einschulung auch gemacht hat und wie sie es mit Sicherheit auch wieder tun wird, wenn Du demnächst Deinen ersten Schultag an der neuen Schule hast. Allerdings war mein Schulweg nicht gerade ein Katzensprung. An einer kleinen Straßenkreuzung trafen wir Ludwig und dessen Mutter. Ich kannte Ludwig schon, denn er wohnte nicht weit von uns entfernt. Na ja, eigentlich kannte ich ihn nicht richtig, ich hatte ihn nur schon einige Male beim Bäcker Knusperbrot gesehen. Aber ich freute mich, dass auch er an diesem Tag eingeschult werden sollte. So gingen wir also zu viert weiter in Richtung Schule, machten ein paar Witze, lachten gemeinsam darüber und – was soll ich sagen:  Gleich war der Schulranzen auf dem Rücken schon etwas leichter, und die Angst nicht mehr ganz so groß.

„Ist das der gleiche Ludwig, der ab und zu zum Schach spielen herkommt?“, fragt Till neugierig.

„Ja, genau!“, antwortet ihm sein Ur-Großvater und fragt vorsichtig: „Soll ich weiter erzählen?“

„Ja, ja, natürlich“, ruft Till und kuschelt sich wieder enger an seinen Großvater.

„Als wir an der nächsten Straßenecke die Straße überqueren wollten, hörten wir das Klappern von Pferdehufen und das Quietschen von Kutschenrädern. Und was meinst du, wer bog da um die Ecke?“

Till schaut auf und überlegt angestrengt: „Vielleicht Dein alter Freund Anton, mit dem du jeden Sonntag zum Pferderennen gehst?“, fragt er.

„Genau“, sagt Tick-Tack-Opa Ottfried und knufft seinen Enkel dabei liebevoll in die Seite. „Antons Vater hatte damals die einzige Pferdekutschenreparaturwerkstatt in der ganzen Stadt, denn Autos gab es damals ja noch nicht so viele. Aber es hatte auch nicht jeder eine Kutsche. Deshalb war es für uns etwas ganz Besonderes, als Antons Vater die Kutsche anhielt und uns fragte, ob wir nicht mitfahren wollten. Du hättest Ludwig und mich mal sehen sollen: So schnell könntest selbst du nicht auf einen Kutschbock aufspringen! Aber wir saßen ruckzuck neben Anton und seinem Vater. Eigentlich hätte es sofort weitergehen können, aber wir mussten noch auf unsere Mütter warten, die mit ihren langen, wallenden Kleidern einige Schwierigkeiten hatten, in die Kutsche zu steigen. Jetzt mussten wir uns langsam doch beeilen, und so feuerte der kleine Anton die Pferde an: „Hüa Hüa!“. Vor Schreck wären wir beinahe wieder vom Kutschbock heruntergefallen. Wir haben uns gerade noch festhalten können und dann laut losgelacht. Ich glaube, dass war der Moment, an dem unsere Freundschaft begann“, sagt Ur-Großvater Ottfried nachdenklich und streicht sich dabei gedankenverloren über die schneeweiße Stelle in seinem Bart.

„Aber woran hast du erkannt, dass ihr wirklich Freunde seid?“, fragt Till seinen Lieblings-Opa gähnend.

Sein Ur-Großvater streicht ihm zärtlich über den Kopf. Denn auch er merkt, dass Till langsam müde wird, aber nicht eher einschlafen möchte, bis er die Geschichte zu Ende gehört hat.

„Das habe ich sehr schnell gemerkt, denn als wir mit der Kutsche vor der Schule hielten, fiel mir mit Schrecken auf, dass ich bei unserem rasanten Start an der Straßenkreuzung meine Trinkflasche verloren hatte. Anton meinte jedoch sofort, dass sei überhaupt nicht schlimm, er hätte genug zu trinken für uns alle dabei. In der ersten Pause dann aber, sah er, dass er zwar seinen Kakao eingepackt, aber dafür die Butterbrote Zuhause vergessen hatte.“

„Und da habt ihr einfach den Kakao und die Butterbrote geteilt“, stellt Till fest.

„Was habe ich für einen schlauen Enkel“, antwortet Tick-Tack-Opa Ottfried stolz. „Ja, wir haben einfach alles geteilt, und genauso machen wir es auch heute noch: Wenn ich mit Anton zum Pferderennen gehe, dann bringe ich die Brote mit, und Anton…“

„Den Kakao“, fällt Till ihm ins Wort.

„Nicht unbedingt Kakao!“, lacht sein Opa, „Aber du hast Recht. Anton bringt mir immer etwas zu trinken mit.

„Und was ist mit Ludwig? Was bringt der mit, wenn er zum Schach spielen kommt?“, fragt Till mit müde klingender Stimme.

„Gar nichts!“, antwortet ihm Tick-Tack-Opa Ottfried. „Ludwigs Eltern hatten mehr Geld als meine und Antons Eltern, und deshalb hat er uns immer großzügig und freundschaftlich mit seinem Spielzeug spielen lassen. Und so spielen wir auch heute noch auf seinem Schachbrett.“

Till strahlt seinen Lieblings-Opa mit müden, aber leuchtenden Augen an. Denn er hat verstanden, was sein Tick-Tack-Opa ihm mit dieser Geschichte sagen wollte. Nun hat er überhaupt keine Angst mehr vor der neuen Schule, denn er weiß, dass es ganz leicht ist, neue Freunde zu finden.

Aber da ist noch etwas: Denn in diesem Moment beschließt er, dass er später – wenn er groß ist – auf jeden Fall auch einen ganz langen Bart haben wird. Und die ersten Barthaare sollen ihn dann immer an diesen Abend auf Opa Ottfrieds Balkon erinnern. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen streicht er über sein kleines, glattes Kinn, und schwupps, ist er auch schon eingeschlafen.