Fremdeln: Es ist nur eine Phase…

Ihr Baby ist wie ausgetauscht. Gestern noch Omas Sonnenschein, heute Klammeräffchen sondergleichen. Alles im grünen Bereich: Nach einem gewissen Zeitraum erledigt sich das Fremdeln von selbst. Bei einigen Kindern hält „der Zustand“ nur wenige Wochen an, andere brauchen etwas länger. Sehen Sie diese Phase positiv, etwa als „biologische Kindersicherung“. Oft wird die Entwicklungsphase auch als „Acht-Monats-Angst“ bezeichnet.

Fremdeln: Eine Art „biologische Kindersicherung“

Rund um den achten Monat beginnen Babys aktiv und mit ganzem Körpereinsatz (Krabbeln, erste Stehversuche usw.) ihre Welt zu entdecken. Die Zurückhaltung gegenüber Neuem und Unvertrautem setzt der Neugier kleiner Abenteuerer natürliche Grenzen. Es macht also Sinn, in der Nähe von Mama und Papa zu bleiben. „Vorsichtig zu sein lohnt sich, um die Zahl der Enttäuschungen und negativen Erfahrungen möglichst gering zu halten. Vor allem in einem Alter, in dem man dauernd neue Erfahrungen macht, der Radius immer größer und die Umwelt ‚gefährlicher‘ wird.“, sagt die Verhaltensbiologin Dr. Gabriele Haug-Schnabel.
Ferner ist die Dimension des Fremdelns eine Frage der Art und Weise des Kontaktes. Erklären Sie dem Besuch, dass Ihr Kind zur Zeit empfindlicher reagiert. Das distanzierte Auftreten ist keinesfalls persönlich zu nehmen.

Wann fremdeln Babys?

Mit dem Fremdeln beginnen Kinder meist im Alter von sechs bis acht Monaten, aber auch ein früherer Eintritt mit vier Monaten ist möglich. Umgangssprachlich wird fremdeln auch als Achmonats-Angst bezeichnet. Am intensivsten spürbar ist das Verhalten im Verlauf des zweiten Lebensjahres, während es nach dem zweiten Geburtstag meist innerhalb eines Jahres langsam nachlässt.

Was bedeutet es, wenn ein Baby zu fremdeln beginnt?

Beobachtbare Verhaltensweisen

Fremdelnde Babys zeigen sich gegenüber Mitmenschen plötzlich äußerst misstrauisch und ängstlich, mitunter sogar ablehnend. In dieser Phase kann es sein, dass Ihr Kind gegenüber Fremden, aber durchaus auch gegenüber einer Bezugsperson und Mitgliedern der eigenen Familie, plötzlich sehr reserviert auftritt. Es ist möglich, dass es keine Nähe mehr sucht oder sich der Kontaktaufnahme sogar völlig verweigert. Vielleicht haben Sie auch wahrgenommen, dass Ihr Baby sich stattdessen furchtsam an Ihnen festklammert, den Blick entzieht, sich zu verstecken sucht oder gar weint und schreit.

Konsequenzen, die sich für Sie und Ihr Baby ergeben

  • Großeltern, Freunde oder enge Familienmitglieder (Geschwister, Kindsvater) werden zurückgewiesen und fühlen sich vor den Kopf gestoßen
  • Möglichkeiten der Betreuung durch eben diese Bezugspersonen fallen vorerst aus, was Sie als Eltern umso mehr fordert
  • Sie selbst geraten unter Umständen wegen der neuen Verhaltensweise Ihres Kindes unter Stress, fühlen Sie sich überfordert oder hilflos
  • die vielleicht geplante Eingewöhnung in eine Kindergrippe kann Herausforderungen bergen

Was sind die Gründe dafür, dass Babys fremdeln?

Differenziertere Wahrnehmung und Entwicklung der sozialen Interaktionsfähigkeit

Fremdeln heißt Unterschiede zu erkennen. Ihr Kind kann jetzt nahe stehende Personen (beide Elternteile, Geschwister) von unbekannteren Gesichtern trennen. Auch das soziale Gefüge als Ganzes gerät langsam in die kindliche Aufmerksamkeit. Kinder beginnen, zwischen bekannt und unbekannt sowie vertraut und fremd zu unterscheiden. Das Fremdeln ist der Ausdruck ihrer Reaktion auf alles, was sie als weniger bekannt oder weniger vertraut befinden.

Dazu ein kleiner Rückblick in die ersten Lebensmonate des Säuglings:

Ein kurzer Blick genügt; Mutter/ Vater und Kind verstehen sich ohne Worte. Nonverbale Kommunikation heißt das Zauberwort. Außenstehende Personen, wie z. B. Verwandte oder Freunde, beherrschen diese „Sprache“ nicht. Missverständnisse sind quasi vorprogrammiert. Denn der Schlüssel zu den Botschaften fehlt – das Kind ist irritiert, reagiert aus seiner misslichen Lage mit eindeutiger Mimik und Gestik. Mutige Babys verziehen vielleicht nur die Mundwinkel, mustern scheu und skeptisch ihr Gegenüber. Die Ängstlicheren brechen in Geschrei aus, verlangen engsten Körperkontakt. Generell hängt das Ausmaß des Fremdelns immer vom momentanen Befinden und dem kleinkindlichen Erfahrungsschatz ab.

Intensivierung des Bindungsverhaltens

Ebenso nimmt Ihr Kind immer mehr wahr, wie vertraut Sie als Eltern sind und damit auch, wie (überlebens-)wichtig. Dies unterstützen Sie zum einen dadurch, Ihrem Kind das Gefühl zu geben, dass es sich in Ihrer Gegenwart sicher fühlen darf und Sie ihm liebevoll zur Seite stehen.

Zum anderen ist unerlässlich, dass Sie sich ihm zuwenden sowie konsequentes und transparentes Verhalten an den Tag legen. Auf diese Weise entwickelt Ihr Kind eine sichere Bindung und somit ein Vertrauen in Sie, in sich selbst und auch das Leben im Allgemeinen. Insbesondere in neuartigen Situationen ist eine gute Bindung unerlässlich, da es die nötige Sicherheit schafft, um mit Herausforderungen zurechtzukommen.

Fremdeln ist ein Ausdruck eben jener sicheren Bindung: Das Baby fühlt sich zunächst unwohl und stellt durch das Fremdeln Nähe zur Bezugsperson her, um wieder Sicherheit zu erlangen. In dieser kann es in Ruhe ausloten, wie mit der neuen Situation umgegangen werden muss.

Warum fremdeln manche Babys nicht?

Es kann durchaus vorkommen, dass Kinder nicht beziehungsweise kaum merkbar fremdeln. Insofern dies auf Ihren Nachwuchs zutrifft, ist dies also kein Grund zur Beunruhigung. Sehr mutige Kinder, die bereits vielfältige positive Erfahrungen im sozialen Kontext sammeln und ein starkes Urvertrauen ausbilden konnten, können diese Phase relativ unauffällig durchlaufen.

Dem entgegengesetzt kann das gänzliche Ausbleiben des Fremdelns jedoch auch ein Hinweis auf eine Bindungsstörung sein. Hiervon wird dann gesprochen, wenn es einem Baby im Laufe der frühkindlichen Entwicklung nicht möglich war, eine sichere Bindung zu einer Bezugsperson aufzubauen und stattdessen Zurückweisung, ambivalentes Beziehungsverhalten oder Vernachlässigung erfahren musste.

Fremdeln: Tipps und Tricks für den Alltag

Kennen Sie Tante Röschen? Bestimmt. In jeder Familie gibt Vertreterinnen ihrer Art. Bekommen Sie den Nachwuchs zu Gesicht, sind sie ganz aus dem Häuschen. Ohne Vorwarnung wird das Baby geherzt, gedrückt, geküsst. Für fremdelnde Kinder sind solche Personen schwierig zu handeln. Werben Sie als Eltern für Verständnis bei Tante Röschen. Sie kann sich eher zurücknehmen. Geschieht die Kommunikation behutsam und liebevoll, erntet sie unter Umständen sogar ein Lächeln. Das können Sie außerdem tun:

  • Locker bleiben und weiter Freunde treffen! Kinder kontaktfreudiger Mütter fremdeln weniger. Sie saugen quasi mit der Muttermilch das Credo solcher Treffen ein. Und sie merken, wie Mama entspannt ist, wenn formlos und freundlich miteinander ungegangen wird.
  • Bloß nicht bloßstellen! Oft ist in verzwickte Situationen ein Witz der Retter in der Not. Beim Fremdeln nicht. So jung Ihr Baby auch sein mag; es spürt deutlich wenn auf seine Kosten gelacht wird.
  • Alles hat seine Zeit! Fremdelnde Kinder finden wieder zu Opa & Oma. Meistens von ganz alleine. Zwang hilft hier nicht weiter.
  • Bei mit bist Du sicher! Nähe, kuscheln, trösten , damit kommen Sie gut durch mimosenhafte Zeiten. Ihr Baby merkt, dass – egal was passiert – es sich auf Sie verlassen kann.
  • Sich selbst den Spiegel vorhalten! Kinder haben von Anfang an Antennen für brenzlige Konstellationen. Ist Mama blockiert und unsicher, spürt das der Nachwuchs. Vieles mutet ungeheuerlich an. Begegnen Sie dem Leben aufgeschlossen und positiv.

Was können Menschen beachten, auf die das Kind mit Fremdeln reagiert?

  • geben Sie dem Kind Raum und Zeit, um in seinem Tempo auf Sie zuzugehen; warten Sie geduldig, bis es merkt, dass Sie keine Bedrohung darstellen
  • akzeptieren Sie die gesetzten Grenzen
  • verzichten Sie zunächst darauf, das Kind anzufassen oder hochzuheben
  • probieren Sie verschiedenes Annäherungsverhalten aus und beobachten Sie die Reaktion genau
  • nehmen Sie es nicht persönlich, auch wenn ein Kind längere Zeit mit Fremdeln auf Sie reagiert

Unser Fazit für Sie und Ihr Baby

Vergegenwärtigen Sie sich, dass es, für eine gesunde Entwicklung spricht, wenn Ihr Kind fremdelt. Wichtig ist, dass Sie dieses Verhalten ernst nehmen, aber nicht überbewerten, sondern Ihr Kind aktiv dabei unterstützen. Dies bedeutet nicht, Ihr Kind von Fremden und allen sozialen Auseinandersetzungen fernzuhalten – denn nur hieran kann Ihr Kind wachsen. Es meint aber auch nicht, das Baby permanenten Überforderungssituationen auszusetzen. Wie so oft in der Erziehung ist ein gesundes Mittelmaß gefragt, mit dem Sie sich als Eltern wohlfühlen, und das Ihrem Kind ermöglicht, im geschützten Rahmen Herausforderungen meistern zu lernen.

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Letzte Aktualisierung am 29.09.2020 um 02:32 Uhr / *Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API