Ein hilflos weinender Säugling rührt jedes Herz, denn kaum jemand kann sich erwehren, dem kleinen Wesen helfen zu wollen. Ein lautstark schreiendes Baby rührt oftmals eher am Trommelfell der Eltern. Ein Schreibaby hingegen rührt nur noch an ihrer Verzweiflung und kann sogar das stabilste aller Nervenkostüme zum Einsturz bringen. Und doch handelt auch ein Schreibaby nicht boshaft, sondern teilt seinen Eltern durch sein Weinen mit, dass ihm etwas fehlt. Natürlich in der Hoffnung, dass Mama oder Papa ihm zu Hilfe eilen, um das zu finden, wonach es sich sehnt.

Beruhigung zwecklos

Etwa 20 Prozent aller Säuglinge – und damit ungefähr jedes siebte Kind – gelten als Schreibaby. Neben dem andauernden Weinen und Schreien sind beim Schreibaby ebenfalls häufig leichte Reizbarkeit, chronische Unzufriedenheit und motorische Unruhe zu beobachten.

Schreibabys schlafen unregelmäßig und selten länger als eine Stunde am Stück. Selten ohne eine nervenaufreibende Einschlaf-Prozedur – angefangen beim mehrfachen Hochnehmen, Herumtragen, Schaukeln und Wiegen, Aufziehen der Spieluhr und was den verzweifelten Eltern sonst noch alles einfällt. Und dennoch: Bei einem Schreibaby scheinen alle Beruhigungsversuche und Entspannungsversuche über kurz oder lang vollends zu versagen.

Studien belegen, dass Schreibabys im Durchschnitt drei Stunden weniger pro Tag schlafen. Doch gerade sie bräuchten den Schlaf, um das Erlebte während des Tages und die vielen damit verbundenen Eindrücke zu verarbeiten.

Übeltäter Reizüberflutung

Hebammen, Ärzte und Kinderpsychologen gehen davon aus, dass Schreibaby Probleme haben, die zahlreichen Eindrücke während des Tages zu verarbeiten. Vor allem aber: Sie einfach auszublenden, wenn sie müde werden und ihnen langsam die Augen zu fallen. Aus Angst, etwas zu verpassen, möchten sie herumgetragen werden – am liebsten natürlich permanent und auf Mamas oder Papas Arm, mit freiem Blick über die Schulter, damit ihnen auch wirklich nichts entgeht.

Wird ein Schreibaby dann hingelegt, damit es schlafen, verarbeiten und sich vor allem erholen kann, gelingt ihm das allein nicht, da es nicht abschalten kann. Im Gegenteil: Obwohl Schreibabys extrem müde und ausgepowert sein müssten, wird das Zu-Bett-Gehen oftmals zu einer Stunden andauernden Prozedur, wobei das Kind schließlich nur aus purer Erschöpfung in einen leichten Schlaf fällt. Denn Schreibabys schlafen nicht nur schlecht ein, sondern wachen auch durch das kleinste Geräusch sofort wieder auf.

Schreibabys scheinen immer und auf alles zu reagieren, so dass sie einfach nur noch reizüberflutet sind. Der Schlafmangel, der sich täglich neu potenziert, leistet den noch fehlenden Beitrag, um das Unwohlsein des Babys perfekt zu machen.

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Ursachenforschung

Die Ursachen, warum ein Baby so viel schreit, dass das Nervenkostüm seiner Eltern zum Zerreißen gespannt ist, sind bisher weitestgehend unerforscht. Als mögliche Ursachen gelten Anspannungen und Stress während der Schwangerschaft, generell Risiko-Schwangerschaften und erschwerte Geburtsvorgänge als auch Kaiserschnitt-Entbindungen, partnerschaftliche Probleme oder postnatale Depressionen.

Doch auch wenn all diese Faktoren als mögliche Verursacher in Betracht kommen, heißt das nicht, dass jedes Kind, das beispielsweise per Kaiserschnitt entbunden wird, automatisch zum Schreibaby wird. Im Gegenteil, es kann der seligste kleine Friedens-Engel sein, während Eltern, die sowohl eine harmonische Schwangerschaft als auch eine stressfreie Geburt erleben durften, plötzlich einen kleinen Schrei-Teufel in den Armen halten.

Hilfe beim Schreibaby

Nicht nur die Eltern eines Schreibabys brauchen Unterstützung, sondern vor allem das Kind selbst, um herauszufinden, was ihm wirklich fehlt, warum es sich nicht beruhigen lässt, was ihm dabei hilft, abzuschalten, zu verarbeiten und zu entspannen.

Tipp beim Schreibaby:

Suchen Sie sich professionelle Hilfe, bevor Ihr Nervenkostüm völlig überstrapaziert ist. Denn natürlich überträgt sich auch Ihre Ruhe und Gelassenheit auf Ihr Kind, und ist somit die wichtigste Unterstützung, die Sie ihm in dieser schwierigen Zeit geben können.

Der erste Weg sollte zum Kinderarzt führen, um mögliche, gesundheitliche Ursachen für das permanente Schreien auszuschließen. Können keine gesundheitlichen Ursachen gefunden werden, lassen Sie sich nicht mit gut gemeinten Durchhalte-Ratschlägen abspeisen, sondern nehmen Sie stattdessen Kontakt zu einer so genannten “Schreiambulanz“ auf.

Die Schreiambulanz

So genannte “Schreiambulanzen“ oder auch ähnlich spezialisierte Beratungsstellen gibt es in den meisten Großstädten. Falls nicht, erkundigen Sie sich bei Ihrer Hebamme, Ihrem Kinderarzt oder bei Ihrem behandelnden Gynäkologen.

Schreiambulanzen sind zumeist an Kinderkliniken angeschlossen und werden von kompetenten und vor allem fachkundigen Ärzten, Hebammen und Psychologen geleitet und unterstützt. Hier erhalten Sie die Hilfe, die Sie und Ihr Kind so dringend benötigen, damit Sie beide wieder zu Kräften kommen. Denn nicht nur Sie sind erschöpft, sondern auch Ihr Kind.

Tun Sie sich etwas Gutes und lassen Sie sich in dieser problematischen Phase unterstützen, um nicht völlig die Nerven zu verlieren. Denn je früher Sie Ihre Sorgen teilen und sich professionell beraten lassen, desto früher kann Ihnen, Ihrer Familie und vor allem Ihrem kleinen Baby geholfen werden – ganz gleich, ob es alle Punkte erfüllt, um auch per Definition als Schreibaby zu gelten.