Die Frühförderung beginnt schon im Kindergarten mit Englischunterricht, Nachhilfe schon in der Grundschule, Abitur nach 12 Schuljahren. Der Leistungsdruck für Kinder ist enorm. Wenn dann noch überehrgeizige Eltern ins Spiel kommen, die ihr Kind auch privat in so vielen Disziplinen wie möglich fördern lassen möchten, wird Freizeit und Langeweile schnell zu einem Fremdwort.

Dann hetzen die Kinder von einem Termin zum nächsten, lernen Gitarre, Geige oder Klavier, haben Ballett-, Tennis- oder Voltigier-Stunden und sind natürlich zudem in einem Schwimm- oder Turnverein aktiv. Dazu Hausaufgaben, gegebenenfalls Nachhilfe und eventuell eine weitere Fremdsprache, die durch das Au-pair-Mädchen oder durch einen Hauslehrer gelehrt wird. Damit die Erholungspausen nicht zu kurz kommen, beinhaltet der frühkindliche Förderungsplan selbstverständlich auch  Yoga- oder Pilates-Stunden. Und der Zeichenkurs trägt natürlich auch zur Entspannung bei. Aber Tatsache ist doch: Wer sein Kind nicht früh genug fördert, verliert. Oder etwa nicht?

24 Stunden im Leben einer Eintagsfliege

Auch wenn das hier beschriebene Szenario ein wenig überzogen ist, scheint es doch, als hätte das Leben unseres Kindes keine längere Halbwertszeit als das einer Eintagsfliege. Oder warum sonst haben unsere Kinder einen volleren Terminkalender als manch Erwachsener? Warum lassen wir sie innerhalb von 24 Stunden ein Programm absolvieren, das sie kaum noch zum Atmen kommen lässt? Und warum können wir uns dem Ehrgeiz und dem Druck von außen nicht entziehen, sondern überlegen stattdessen, was unser Nachwuchs noch alles können sollte, bevor er in die Schule kommt? Vielleicht ein Instrument spielen? Lesen? Schreiben? Rechnen im Zahlenraum bis Hundert? Hundert? Nee, besser im Zahlenraum bis 500. Sicher ist sicher. Die anderen i-Männchen können das bestimmt auch schon, wenn sie eingeschult werden. Nicht, dass unser Kind von Anfang an keine wirkliche Chance hat, weil wir versäumt haben, es zu fordern und zu fördern. Was soll denn dann später aus ihm werden?

Die Antwort ist sehr einfach, so wie es auch der JAKO-O– *Werbespot seinerzeit formulierte:

„Es gibt nichts, was ein Kind nicht werden kann: Künstler, Nobelpreisträger, Virtuose, Landesmeister, Olympiasieger, Weltmeister, Entdecker, Popstar, Filmstar, Millionär, Milliardär. All das kann ein Kind werden, wenn es erst einmal eins sein darf: Kind! Einfach nur Kind!“

Einfach nur Kind sein dürfen

Einfach nur Kind sein dürfen! Was soll das denn nun schon wieder heißen? Soll ich mein Kind etwa aus allen Kursen abmelden und den ganzen Tag nur spielen lassen? Warum? Weil Frühförderungsprogramme schaden? Das wäre mir aber neu!

Natürlich schadet die Frühförderung Ihrem Kind nicht. Zumindest dann nicht, wenn sie in Maßen geschieht. “In Maßen“ bedeutet in diesem Fall, dass es eine Balance braucht zwischen den Verpflichtungen, die ihr Kind ohnehin hat (wie beispielsweise Kindergarten, Schule, Hausaufgaben), den Kursen, die es besucht oder Stunden, die es bekommt (wie beispielsweise in der Musikschule, im Sportverein oder beim Gesangsunterricht) und der Freizeit, die es tatsächlich für sich hat. Und zwar nur für sich. Ohne Druck, ohne Erwartungshaltung. Zum Spielen, zum Freunde treffen, zum Lesen, zum Musikhören, zum Sich-Langweilen.

Genau das bedeutet: “Einfach nur Kind sein dürfen!“

Denn Freizeit zu haben, heißt nicht nur, man selbst sein zu dürfen, sondern auch genug Zeit zu haben, um sich unter Umständen mal so richtig zu langweilen. Zeitverschwendung? Bei weitem nicht! Wer sich nicht langweilt, lernt nicht, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sich zu hinterfragen, sich herauszufordern. Und genau das ist wichtig, um zu erkennen, was das kleine Herz begehrt, um neue Ideen zu haben, neue Möglichkeiten zu entdecken, die eigenen Interessen zu entwickeln. Langeweile – natürlich auch hier in Maßen – macht Kinder kreativ.

Frühförderung vs. Frühüberforderung

Natürlich können und sollen Sie Ihr Kind fördern. Allerdings heißt der Begriff “Frühförderung“, nicht “Frühüberforderung“. Und deshalb sollten Sie Ihr Kind in dem fördern, was es gerne macht, wofür es sich begeistern kann, worüber es mehr lernen möchte. Kurz: Fördern Sie das, bei dem Ihr Kind auch mit Herz und Seele dabei ist. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Lassen Sie Ihr Kind mitentscheiden, was es gerne machen möchte.

Natürlich wird es zwischendurch immer mal wieder auch Begeisterungseinbrüche geben, beispielsweise dann, wenn Ihr Kind gerade voller Feuereifer mit etwas anderem beschäftigt ist und nun seine Tätigkeit unterbrechen soll, um zum Schwimmen zu gehen. Oder wenn es Zeit wird, die Akkorde noch einmal zu üben, die bis zur nächsten Gitarrenstunde sitzen sollen. Das jedoch sind normale kindliche Launen, die es tapfer zu ertragen gilt. Es sei denn, es zeigt sich von Anfang an, dass die gewählte Aktivität entgegen aller Erwartungen – vor allem der Erwartung Ihres Kindes zum Trotz – doch nicht das Richtige für Ihren Nachwuchs ist. Dann bringt es auch nichts, Ihr Kind weiterhin in diesem Bereich fördern zu lassen. Vielleicht suchen Sie gemeinsam nach einer Alternative, vielleicht lassen Sie aber auch ein wenig Zeit verstreichen und warten, bis Ihr Kind sich von selbst für etwas Neues begeistert.

Gleiches gilt, wenn Sie merken, dass Ihr Kind trotz anfänglicher Begeisterung und trotzdem, dass es nun schon seit mehreren Wochen, Monaten oder Jahren dabei ist, mehr und mehr die Lust an dem verliert, was ihm vorher so viel Spaß gemacht hat. Manchmal ist die Luft eben einfach raus. Manchmal ist dem Kind aber auch einfach nur unterwegs die Puste ausgegangen, so dass es mal eine Auszeit braucht, um zu sehen, ob es den Sport, die Musik , die Malerei oder was auch immer nach einiger Zeit vermisst und dann wieder dorthin zurückfindet.

Und nicht vergessen: Nicht alles, was Ihr Kind gerne macht, muss auch professionell gefördert werden. Nur weil es gerne vor sich hin malt, sich gerne bewegt, ein Musikinstrument erlernen möchte und liebend gerne mit der Haarbürste in der Hand vor dem Spiegel tanzt, ist das noch lange kein Grund, es innerhalb von einer Woche zum Musikunterricht, zur Ballettstunde, zum Gesangscoaching, in den Zeichenkurs und den Sportverein zu schicken. Denn genau das ist es, was Ihr Kind sehr schnell nicht mehr fördert, sondern schlicht und ergreifend überfordert.

Fazit

Bleiben Sie entspannt und haben Sie keine Angst davor, dass Talente Ihres Kindes verkümmern könnten, nur weil sie nicht jeden Hauch von Begabung fördern. Talente haben alle Zeit der Welt, sich Ihren Weg zu bahnen. Das, was Ihrem Kind am meisten bedeutet, wird sich auch irgendwann durchsetzen. Selbst dann, wenn es anfangs nur ein Hobby war.

Vor allem aber lassen Sie sich nicht verrückt machen und hören Sie auf, Ihr Kind mit anderen zu vergleichen. Ihr Kind ist ein Unikat – mit all seinen Stärken und all seinen Schwächen. Es kommt als kleines Original auf die Welt. Warum also möchten Sie daraus unbedingt eine Kopie machen, die sich an anderen Kindern messen lassen muss?

Fördern Sie folglich maßvoll und auch nur das, wofür sich Ihr Kind wirklich begeistert. Eine, maximal zwei Sachen reichen. Und dann lassen Sie Ihr Kind einfach Kind sein. Denn genau dann kann es sich gesund entwickeln und später alles werden, was es werden mag.