Beim Hodenhochstand (Maldescensus testis) befinden sich einer oder beide Hoden außerhalb des Hodensackes (Skrotum). Die im Fachjargon als Kryptorchismus bezeichnete Lageanomalie des männlichen Harn- und Geschlechtstraktes ereilt etwa 4% aller pünktlich geborenen Jungen. Frühchen sind häufiger davon betroffen. Meist liegt dieser Abweichung eine Reifestörung zugrunde.

Hodenhochstand: Steuerungsdefekt im Mutterleib

Die Ursache, warum die Keimdrüsen nicht am rechten Fleck sitzen, ist in der vorgeburtlichen Entwicklung zu suchen. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich die Hoden beim Fötus im Bauchraum, etwas unterhalb der Nieren. In den letzten Schwangerschaftswochen bewegen sie sich durch den Leistenkanal in Richtung Hodensack. Sind die Hoden zur Geburt noch nicht an Ort und Stelle, wandern sie meistens im Verlauf der nächsten zwölf Lebensmonate abwärts. Spätere Fehllagen müssen korrigiert werden.
Der Hodenhochstand hat folgende Gründe:

  • Leistenkanal oder Samenstrang sind zu eng oder verwachsen
  • hormonelle Störungen der Mutter oder beim Fötus
  • erbliche Veranlagung

Des Öfteren gesellt sich außerdem ein angeborener Leistenbruch (Hernie) dazu. Wenn dann die Hernie Darmschlingen einschnürt, spürt das Kind echte Beschwerden. Eine so genannte Hodentorsion (Verdrehung der Hoden) entfacht ebenfalls Schmerzen.

Was macht der Arzt?

Im Großen und Ganzen fällt es den Eltern beim Wickeln auf, dass „irgendetwas“ nicht stimmt. Der Kinderarzt erhebt nach dem Sichten einen Tastbefund. Mit zwei Händen kontrolliert er, ob der/die Hoden im Leistenkanal oder im Hodensack lokalisiert sind und ob sie sich verschieben lassen. Er fühlt, ob Leisten-, Gleit- oder Pendelhoden vorliegen.
Lässt sich der Hoden nicht ertasten, ist ein Bauchhoden in Erwägung zu ziehen oder er ist nur einseitig angelegt. Diagnostiziert wird mittels Ultraschall (Sonografie),  Computer- oder Kernspintomografie sind eher selten.
Die Position im Körper ist entscheidend für den endgültigen Befund:

  • Bauchhoden = Hoden liegen weit im Bauchraum
  • Pendelhoden = bewegt sich zwischen Leistenkanal und Hodensack; Hochziehen bei Kälte oder mechanischen Stimuli
  • Gleithoden = Hoden vom Leistenkanal in den Hodensack zu ziehen ist möglich; gleitet prompt zurück, dann Samenstrang gering dimensioniert
  • Leistenhoden = Hoden im Leistenkanal zu ertasten; nicht in Hodensack verschiebbar

Hodenhochstand: Abwarten oder gleich operieren?

Umso früher der Hodenhochstand behoben wird, desto besser die Zukunftsaussichten des kleinen Mannes. Bleiben Bauch- oder Leistenhoden unbehandelt, vermehrt sich das Risiko später unfruchtbar zu sein oder an einem Hodentumor zu erkranken. Ferner steigt die Verletzungsgefahr durch Stoß, starken Druck usw.

Schritt 1: Hormontherapie

Bewährt haben sich Präparate, die die Hirnanhangsdrüse anregen. Das Hormon GnRH (Gonadotropin releasing hormon) bewirkt die Ausschüttung von Testosteron, was wiederum das Wandern des Hodens begünstigt. Außerdem aktiviert es den Reifungsprozess der Spermien, verbessert deren Anzahl im Spermiogramm. Im Falle einer späteren OP lässt sich durch die Therapie die Blutzufuhr leichter erkennen. Nasensprays gelten hier als Mittel der Wahl. In welchen Zyklen die Hormongaben geschehen, legt der behandelnde Arzt fest. Nachuntersuchungen sind obligatorisch.

Schritt 2: Operation (Orchidopexie)

Ein kleiner Schnitt in der Leiste führt zum Erfolg: Zu Beginn lokalisiert der Chirurg den Hoden, danach löst er ihn zusammen mit den umgebenden Blutgefäßen aus dem Gewebe. Das ist notwendig, damit der Hoden ohne Spannung in den Hodensack verlagert und vernäht werden kann. Dieses Verfahren ist die klassische Vorgehensweise. Komplikationen, wie verletzte Samenleiter werden nur selten beobachtet. Infektionen oder nachblutende Wunden treten eher auf.

Sonderfall Bauchhoden:

Hier wird laparaskopisch vorgegangen, d.h., die Bauchspiegelung findet via „Schlüssellochchirurgie“ statt. Hat der Operateur den Bauchhoden gefunden, versucht er ihn gleich in den Hodensack einzubringen. Liegt der Hoden zu weit davon entfernt, werden zuführende Blutgefäße unterdrückt, sodass sich ein Ersatzkreislauf bildet. Das dauert etwa drei bis sechs Monate. Danach ist die endgültige Operation möglich. Selbstverständlich spricht der Behandler die Art und Weise des Eingriffes mit den Eltern ab.

Hodenhochstand Behandlung: Ambulant oder stationär?

Einseitiger Hodenhochstand wird an einem Tag korrigiert. In der Praxis sieht das so aus: vormittags der Eingriff, am Nachmittag Entlassung.
Bei beidseitigem Hodenhochstand oder Bauchhoden geht das Kind für etwa drei Tage in die Klinik. Die aufwendigere Operation bedingt eine stärkere Verordnung von Schmerzmitteln. Zudem lässt sich stationär der Heilungsverlauf engmaschiger kontrollieren.
Wie dem auch sei: Die kleinen Patienten müssen postoperative keinerlei Schmerzen erleiden.
Es dauert circa zwei Wochen, bis die Hautfäden sich gelöst haben. In diesen Tagen sollte Ihr Junge auf seinen fahrbaren Untersatz verzichten – Bobby-Car, Dreirad, Laufrad sind tabu. Spielen ohne Anstrengung ist erlaubt.