Das Langzeitstillen ist, gerade in unseren modernen Zeiten, ein mit vielen Tabus behaftetes Thema. Die positivste Reaktion auf eine Mama, die lange stillt, ist Ungläubigkeit – dicht gefolgt von Entsetzen und negativen Bemerkungen. Da ist es nicht leicht, zu seinem Weg zu stehen und sich gegen jede Art von Einmischung zu wehren.

Ab wann spricht man von Langzeitstillen?

„Wie, Dein Kleinkind wird noch gestillt? Kommt da überhaupt noch was? Willst du nicht mal wieder deine Freiheit? Ist das nicht schädlich für deinen Schatz? Stillen – das ist doch nur was für´s Baby!“ Jeder wohlmeinende Bekannte fühlt sich bemüßigt, Mama und Baby gute Ratschläge auf den Weg zu geben – die meist genau das sind: Schläge.

Das Langzeitstillen erhitzt die Gemüter wie kaum ein anderes Thema und viele Menschen glauben, es sei gleichbedeutend mit emotionalem Missbrauch an den Kleinsten. Dabei ist das optimale Stillalter genau definiert – meistens von Menschen, die zwar viel Meinung, aber relativ wenig Ahnung haben.

Die meisten Kinder, die gestillt werden, erhalten etwa bis Ende des ersten Lebensjahres Muttermilch. Stillen Mütter darüber hinaus, gilt dies in unserem Kulturkreis als sogenanntes Langzeitstillen. Gesellschaftlich akzeptiert ist das Stillen in unseren Breitengraden also bis zum Anfang des zweiten Lebensjahres. Eine Mama, die länger stillt, muss sich darauf einstellen, den einen oder anderen negativen Kommentar zu hören.

Dass dies nicht überall so ist und dass es sich bei einer sehr kurzen Stilldauer um eine eher neumodische Erscheinung handelt, belegen Knochenfunde: Anhand von diesen konnte man feststellen, dass das natürliche Abstillalter des Menschen irgendwo zwischen zwei und sieben Jahren liegt.

Naturvölker stillen im Übrigen ihre Kinder im Schnitt dreißig Monate lang. Selbstverständlich kann man argumentieren, dass wir kein Naturvolk sind und mittlerweile wirklich gut adaptierte Flaschennahrung angeboten wird. Aber sind nicht die elementaren Bedürfnisse unserer heutigen Nachkommen noch immer die gleichen wie die der Nachkommen unserer Vorfahren? Und warum sollte Ihr Schatz Kuhmilch – also die Muttermilch einer anderen Spezies! – erhalten, wenn es Ihre arteigene, perfekt auf Babys Bedürfnisse angepasste Muttermilch trinken kann?

Wird die Stilldauer kulturell beeinflusst?

Die Stilldauer wird in nicht unerheblichem Maße von der herrschenden Kultur beeinflusst. So erhalten Kinder von Naturvölkern Muttermilch, bis sie in der Lage sind, selbst Nahrung zu finden und sie sich selbst zuzuführen. Wann genau bei solchen Völkern abgestillt wird, ist höchst unterschiedlich. Bei Nomadenvölkern werden kleine Menschen generell länger gestillt als bei sesshaften Völkern.

Doch auch in modernen Kulturen werden kleine Menschen zu sehr variablen Zeiten von der Brust entwöhnt. So ist es beispielsweise in Frankreich extrem unüblich, bis über das erste Lebensjahr hinaus die Brust zu geben – dort bemühen sich die Mütter generell, bereits nach etwa drei bis vier Monaten abzustillen. Dabei spielen viele verschiedene Einflussfaktoren eine Rolle, wie die Rückkehr zum Arbeitsplatz, die gesellschaftliche Stellung, religiöse Ansichten sowie das familiäre Umfeld.

Übrigens hat auch die Anzahl der Geschwister einen Einfluss auf die Stilldauer. In vielen Familien wird berichtet, dass das Nesthäkchen, also das letztgeborene Kind, von einer deutlich längeren Stilldauer profitiert als die älteren Geschwister.

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Hat das Langzeitstillen Vorteile?

Auch während einer langen Stillzeit profitiert Ihr Kind von allen Vorzügen, die die Muttermilch zu bieten hat. Die Brust zu geben ist mehr als bloß Ernährung. Neben den aufgenommenen Kalorien und den wertvollen Inhaltsstoffen der Muttermilch erhält Ihr Baby eine ganz besondere Art von Nähe und Fürsorge. Das bedeutet nicht, dass Mütter ohne das Stillen keine Nähe geben können – aber wer einmal die Besonderheit der Stillbeziehung gespürt hat, wird wissen, wie sehr Mama und Kind dadurch verbunden sind.

Die gesundheitlichen Auswirkungen von Langzeitstillen sind in unseren westlichen Breitengraden umstritten. Fakt ist: In medizinisch weniger gut versorgten Ländern hat eine längere Stilldauer einen nicht unerheblichen Einfluss auf die kindliche Nährstoffversorgung und, auch damit verbunden, auf die kindliche Gesundheit und somit das Sterberisiko.

In Deutschland herrschen hingegen nicht nur gute Ernährungsgrundlagen, sondern auch eine optimale hygienische sowie medizinische Versorgung. Daher spielen die gesundheitlichen Faktoren des Langzeitstillens eine nicht ganz so große Rolle wie in unterentwickelten Ländern. Dennoch deuten Hinweise darauf hin, dass Kinder, die über das erste Lebensjahr hinaus gestillt wurden, ein etwas stabileres Immunsystem sowie eine niedrigere Allergieanfälligkeit aufzuweisen scheinen als Kinder, die nur kurz oder überhaupt nicht mit Muttermilch ernährt wurden.

Welche Gründe sprechen gegen das Langzeitstillen?

Im Prinzip spricht nichts gegen eine länger dauernde Stillzeit. Die WHO empfiehlt sogar, weit über das zweite Lebensjahr hinaus die Brust zu geben. Solange keine zwingenden Gründe gegen eine lange Stilldauer sprechen, muss nicht abgestillt werden.

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Es gibt nur einen Grund, der für ein Abstillen sprechen würde: Wenn einer der beiden Beteiligten, nämlich entweder die Mutter oder ihr Kind, das möchten. Das klingt trivial, doch beeinflussen äußere Faktoren, wie beispielsweise negative Kommentare, eine solche Entscheidung.

Studien haben gezeigt, dass Frauen, die in ihrer Entscheidung bestärkt werden, eine deutlich größere Zeitspanne die Brust geben als solche, die von ihrem sozialen Umfeld keine oder nur geringe Unterstützung erhalten. Dadurch kommt dem Partner, den Eltern sowie anderen nahen Verwandten und Freunden und letzten Endes sogar entfernten Bekannten eine hohe Bedeutung zu. Diese sollten sich mit negativen Bemerkungen zurückhalten, um die stillende Mutter nicht zu verunsichern. Denn letzten Endes ist und bleibt es ihre Entscheidung, wann sie ihr Baby oder Kleinkind abstillen möchte.

Langzeitstillen: Besteht ein negativer Einfluss auf die psychische Gesundheit?

Eine Befürchtung, die oft von kritischen Beobachtern geäußert wird, ist die, dass langzeitgestillte Kinder Schäden an ihrer Psyche davontragen könnten. Die – im Übrigen unglaublich verletzende – Bemerkung impliziert vor allem Folgendes: Das Trinken an der mütterlichen Brust ist etwas Schädliches und Gefährliches, das genau beäugt und in Schach gehalten werden muss. Es klingt, als sei diese innige Form der Zuwendung in den ersten Monaten positiv und nützlich und verwandele sich spätestens nach zwölf Monaten in etwas psychisch höchst Ungesundes.

Lassen Sie sich von derlei Kommentaren nicht verunsichern! Das Stillen ist stets und zu jeder Zeit eine unglaublich reine und innige Art der Liebe, die von Müttern und ihren Babys oder Kleinkindern uneingeschränkt genossen werden kann. Die kleinen Menschen erleiden dadurch keinerlei psychische Schäden, ganz im Gegenteil. Sie wachsen zu starken Persönlichkeiten heran.

Einen Anteil daran hat die Tatsache, dass das Baby nicht immer an der Brust trinken kann, wenn es den Wunsch danach hat. Ein Schnuller oder eine Flasche sind jederzeit verfügbar. Dies gilt allerdings nicht für Mütter. Sitzen Sie gerade am Steuer eines Autos und befinden sich zur besten Rush Hour-Zeit auf der Autobahn, ist es kaum möglich, Ihrem Schatz die Brust zu geben. Ihr Baby muss lernen, zu warten. So findet nach und nach ein Bedürfnisaufschub statt und Ihr Kind entwickelt sich zu einer Persönlichkeit, die gelernt hat, auch mal eigene Befindlichkeiten nach hinten zu verschieben.

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  • Kunert-Peter, Katharina (Autor)
  • 136 Seiten - 01.09.2016 (Veröffentlichungsdatum) - fidibus Verlag (Herausgeber)

Warum gibt es Vorurteile gegen Langzeitstillen?

Vorurteile gegenüber dem Langzeitstillen kamen vor allem vor wenigen Jahrzehnten mit dem Siegeszug der industriellen Flaschennahrung auf. Es wurde massiv Werbung betrieben; die Muttermilch wurde regelrecht diffamiert, so als sei künstliche Nahrung natürlicher als die arteigene Milch der Mütter.

So kam es, dass quasi eine Generation des Stillens „übersprungen“ wurde. Die Mütter leiteten sich nicht mehr gegenseitig nach der Geburt an, es wurde lieber auf die Flasche zurückgegriffen. Die immer mehr aufkommende Emanzipation und die damit verbundene Freiheitsliebe tat ihr Übriges: Eine Flasche kann in der Regel von Papa oder auch von Oma gegeben werden, die Brust ist der Mutter vorbehalten.

Dadurch wird auch heute noch die mütterliche Brust oft kritischer beäugt als das Fläschchen. Umso mehr wenn eine Mutter zugibt, länger zu stillen als die von vielen Seiten als üblich angesehene Stilldauer. Dabei sollte es jeder Mutter selbst überlassen sein, ob und wie lange sie stillen möchte. Eine Stillzeit von zwei Wochen sollte ebenso wenig kommentiert werden wie Langzeitstillen.

Fazit

Keine Frau ist eine schlechte Mutter, weil sie kurz oder überhaupt nicht stillt. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch: Keine Frau ist eine schlechte Mutter, weil sie mehrere Jahre stillt. Es gibt kaum etwas Intimeres und Privates als eine Stillbeziehung Welchen Weg Sie dabei gehen, ist allein Ihre Entscheidung.

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Langzeitstillen: Wie gehe ich mit negativen Kommentaren um?

Seien Sie ganz bei sich und seien Sie überzeugt davon, dass Sie nicht nur Ihrem Baby, sondern auch noch Ihrem Kleinkind etwas Gutes tun. Verbitten Sie sich unverschämte Bemerkungen. Neugierige, aber freundliche Fragen hingegen können Sie mit einem Lächeln beantworten.

Fördert das lange Stillen eine Hängebrust?

Nein. Die Brust verändert ihre Form bereits in der Schwangerschaft; das Stillen hat darauf, wenn überhaupt, nur einen marginalen Einfluss.

Bedroht das Langzeitstillen die Zahngesundheit meines Kindes?

Darüber gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens. Es deuten jedoch Hinweise darauf hin, dass die muttermilcheigenen Immoglobuline IgA und IgG Kariesbakterien bekämpfen statt sie zu fördern.

Kann ich in der Stillzeit schwanger werden?

Definitiv! Auch wenn Sie noch nicht Ihre Periode hatten, kann es bereits zu einem Eisprung gekommen sein. Daher sollten Sie stets verhüten, wenn Sie eine weitere Schwangerschaft ausschließen möchten.

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