Kaum ist die eigentliche Geburt überstanden, geht das Auf und Ab der Gefühle schon weiter. Das Neugeborene, welches gerade aus dem warmen, gemütlichen Bauch heraus in die große, weite Welt gepresst wurde, beginnt nach einer sicheren, geborgenen Stelle zu suchen. Ein Ort, an dem es Nähe und Liebe findet in dieser lauten, hellen und vor allem kalten Umwelt.

Für die Eltern, meist für die Mutter, geht eine Zeit des Wartens und Sehnens nach dem großen Moment vorüber: Zum ersten Mal dieses wundersame kleine Wesen in den Arm zu schließen, das da im Bauch herangewachsen ist. Gemeinsam heißt es nun zu entspannen, sich kennenzulernen und sich einfach nur nahe zu sein.

Dieser Zeitpunkt, an dem dieses gegenseitige Geben und Nehmen beginnt, wird von den Psychologen Bonding genannt. Dieser frühkindliche Bindungsprozess wird seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts erforscht. Er ist entscheidend für den weiteren Fortgang der Beziehung zwischen Eltern und Kind. Die Basis für das Urvertrauen des Kindes zu den Eltern entsteht.

Es weiß, dass es in Mutters Armen sicher und geborgen ist. Und dass seine Eltern stets gut für es sorgen und wichtige, gute Entscheidungen für das Kind treffen werden.

Bei den Eltern dagegen wird durch das im Arm halten und den Geruch des Neugeborenen eine Intuition hervorgerufen. Die Intuition für die Bedürfnisse des kleinen hilflosen Wesens. Sie wissen, wann es Hunger hat, wann es Schmerzen hat oder einfach nur das Bedürfnis nach intensiver Nähe.

Beide Teile werden in den nächsten Jahren viel Neues erfahren und lernen: Geduld, Vertrauen und Einfühlungsvermögen.

Mamas Herzschlag ist Babys schönste Musik!

Auch wenn die junge Mutter nicht gleich auf den Wogen des Glücks davon schwimmt, wenn sie ihr Neugeborenes zum ersten Mal erblickt. Sei es, weil die Geburt nicht so harmonisch verlaufen ist, wie vorgestellt oder weil die frischgebackene Mutter einfach zu erschöpft ist nach der anstrengenden Geburt.

Der vielleicht noch etwas überreizte Säugling wird ruhiger, wenn er den bekannten Herzschlag der Mutter hört. Die Mutter reagiert auf den Geruch des Neugeborenen. Ein unsichtbares Band wird geschlossen – ein frühkindlicher Beziehungsaufbau beginnt.

Forscherteams, bestehend aus Psychologen der Uniklinik Regensburg, wiesen nach, was dieses Bonding gleich nach der Geburt bei Mutter und Kind bewirkt. Die Kinder, die nach der Geburt 45 Minuten mit direktem Hautkontakt bei ihren Müttern auf dem Bauch liegen durften, waren im Alter von 12 Wochen wesentlich entspannter und ruhiger. Sie schliefen deutlich besser und hielten länger festen Augenkontakt mit ihren Müttern. Diese hingegen stillten Ihre Kinder öfter und intensiver.

Sigmund Freud prägte den Begriff „Urvertrauen“ für dieses Verbinden zwischen Mutter/Eltern und Kind. Denn das Bonding bildet die Basis für ein gutes Selbstvertrauen des Kindes, für ein Gefühl der Geborgenheit und für ein Verlassen-können auf andere. Alle Forscher, die sich je mit der Verbindung zwischen Mutter und Kind beschäftigt haben, sind sich sicher, dass in der ersten Zeit (Stunden, Tage, Wochen oder gar einige Monate) eines neuen Lebens all diese Weichen für ein glückliches, vertrauensvolles Leben gestellt werden.

Bonding trotz direkter Trennung nach der Geburt? JA!

Viele angehende Eltern und auch frischgebackene Eltern machen sich Sorgen, ob die frühkindliche Bindung auch dann stattfindet, wenn es direkt nach der Geburt zu einer Trennung zwischen Mutter und Kind kommt. Die Gründe hierfür können sehr vielfältig sein. Komplikationen beim Säugling nach der Geburt, die eine intensiv-medizinische Betreuung erfordern oder ein Kaiserschnitt unter Vollnarkose machen es unvermeidbar, dass das Kennenlernen von Mutter und Kind nicht unmittelbar nach der Geburt stattfindet.

Der Schwede Carl Philip Hwang fand jedoch heraus, dass all diese Sorgen unbegründet sind. Im Alter von 8 Monaten sind keinerlei Unterschiede mehr zwischen einem normal entbundenen Baby und einer Not-Kaiserschnittgeburt bemerkbar.

Mittlerweile ist es unüblich, dass ein Kaiserschnitt unter Vollnarkose stattfindet (nur noch in absoluten Notfällen). In der Regel findet ein Kaiserschnitt mit einer PDA (Rückenspritze) statt. Hierbei ist die Mutter bei vollem Bewusstsein und kann so auch direkt nach der Geburt mit ihrem Kind Kontakt haben. Mutter und Kind kuscheln Haut an Haut.

Am förderlichsten ist es natürlich, wenn ein frühkindlicher Beziehungsaufbau in aller Ruhe, ohne Hektik und störende Faktoren stattfinden kann. Dies gelingt am besten zu Hause, umgeben von den Liebsten nach einer ambulanten Entbindung.

Wenn sich in den Kliniken im Bezug auf die Unterbringung von Mutter und Kind nach der Geburt vieles geändert hat, so geht der Klinikbetrieb mit all seiner Hektik und seinem bunten Treiben doch weiter und sorgt für eine gewisse Unruhe.

Fremde Menschen laufen umher. Vielen fällt es schwer, sich in dieser Umgebung zu entspannen und abzuschalten. Es gibt auch kein festes Rezept, wie man alles richtig macht. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, ohne sich selbst unter Druck zu setzen, weil man etwas falsch machen könnte. Der sicherste Weg ist der, sich, geleitet durch die noch fließenden Hormone und den Geruch der Babyhaut, auf seine Intuition zu verlassen.

Zeit ist das magische Wort

Wer glaubt, dass im Kreißsaal etwas geschieht, das die Zukunft von Eltern und dem Neugeborenen für alle Zeiten besiegelt, der liegt falsch. Dort wird nicht über gute oder schlechte Eltern entschieden.

Eine Geburt ist ein Ereignis, das einen überwältigt und das man niemals vergisst. Auch wenn dort noch kein frühkindlicher Beziehungsaufbau möglich ist, ist die Beziehung zwischen Mutter/Eltern und Kind nicht für alle Zeit verloren. Auch das zukünftige Verhalten des Säuglings (Fremdeln, Vertrauensseligkeit, …) wird nicht in den ersten Lebensminuten besiegelt.

Manchmal braucht es einfach etwas Zeit, bis das Bonding stattfindet, bis es zwischen Mutter und Kind „funkt“.
Oxytocin spielt hier, wie unter der gesamten Geburt, eine wichtige Rolle. Es das Wehenhormon sorgt nicht nur für eine Milderung des Geburtsstresses und lässt die Milch einschießen – es bewirkt ebenfalls, dass das Vorangehen der frühkindlichen Beziehungsbildung angetrieben wird. Dies ist nicht nur bei den Menschen so, sondern der Prozess findet bei allen Säugetieren statt. Bei den einen geht es schneller, bei den anderen dauert es einfach etwas länger.

Das Stillen spielt ebenfalls eine große Rolle bei frühkindlicher Beziehungsbildung. Hierbei sind Mutter und Kind sich viel näher als beim Füttern mit der Flasche.

Aber: Ein frühkindlicher Beziehungsaufbau ist selbst zwischen Adoptiveltern und einem erst wenige Wochen oder Monate alten Säugling möglich, wenn diese sich nur Zeit lassen, viel körperliche Nähe suchen und sich selbst Zeit geben, ihre Gefühle für den Säugling zu fühlen und anzunehmen.

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