Fruchtwasser ist eine ausgesprochen „dynamische“ Flüssigkeit, die alle 3 – 4 Stunden komplett erneuert wird. Gebildet wird das Fruchtwasser anfangs vom Amnion, das heißt von der Innenauskleidung der Fruchthöhle, später aber auch von den kindlichen Nieren. Ab der 12. Schwangerschaftswoche gewinnt der Fetus zunehmend an Bedeutung beim Austausch des Fruchtwassers und gegen Ende der Schwangerschaft beträgt die Resorption des Fruchtwassers durch den Fetus rund 40 %.

Normale Fruchtwassermenge

In der 20. Schwangerschaftswoche beträgt die Fruchtwassermenge rund 500 ml, das entspricht etwa 2/3 des Gebärmutterinhalts. In der zweiten Schwangerschaftshälfte erreicht die Fruchtwassermenge ein Maximum von durchschnittlich 1.500 ml, bevor die Menge dann wieder leicht rückläufig ist. Infolge der hohen Erneuerungsrate des Fruchtwassers können bereits geringe Störungen zwischen Produktion, Verbrauch und Resorption zu krankhaften Fruchtwassermengen führen.

Anomalien der Fruchtwassermenge

Eine Vermehrung der Fruchtwassermenge über 1,5 bis 2 Liter wird als Polyhydramnie oder Hydramnion bezeichnet. Die häufigste Ursache sind fetale Missbildungen der Kopfregion und des Verdauungstrakts. Die Missbildungen verursachen mechanische Passagehindernisse, die den Fetus daran hindern, das Fruchtwasser zu schlucken oder im Magen-Darm-Trakt zu transportieren. Da die Produktion des Fruchtwassers ungestört fortgesetzt wird, kommt zu einer übermäßigen Zunahme der Fruchtwassermenge. Auch mütterliche Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Nierenerkrankungen können ein Hydramnion verursachen. Bei weniger als 500 ml Fruchtwasser spricht man von einer Oligohydramnie. Zuwenig Fruchtwasser ist selten und meist auf Missbildungen des Fetus im Bereich seiner Nieren und ableitenden Harnwege zurückzuführen, kann aber auch Zeichen einer Überreife des Fetus sein.

Konsequenzen bei Anomalien der Fruchtwassermenge

Zuviel Fruchtwasser ist an einer abnormen Vergrößerung des Uterus erkennbar, der gespannt, hart und druckempfindlich ist. Die kindlichen Herztöne sind oft nur verdeckt zu hören und der Fetus auffallend mobil, da er im Fruchtwasser regelrecht umherschwimmt. Die Folge können Lageanomalien des Fetus sein wie z.B. eine Beckenendlage. Sofern sich ein Hydramnion langsam entwickelt, ist eine spezielle geburtshilfliche Therapie nicht erforderlich. Bei akuter Entwicklung mit stärkeren Verdrängungserscheinungen kann eine Entlastung durch Blasensprengung oder Fruchtwasserpunktion erforderlich werden. Unter der Geburt kommt es durch die starke Überdehnung des Uterus häufig zur Wehenschwäche, auch Nachblutungen sind nicht selten. Während die langsame Entwicklung eines Hydramnions für die Mutter kein ernsthaftes Risiko bedeutet, sind die Kinder durch ihre Missbildungen und gehäuft auftretende Geburtskomplikationen gefährdet: Rund 25 % der Kinder versterben während oder kurz nach der Geburt. Ist die Fruchtwassermenge zu gering, ist der Fetus vom wenig gedehnten Uterus fest umschlossen und kann sich kaum bewegen, was Skelettanomalien zur Folge haben kann.

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Vorzeitiger Blasensprung bedeutet Gefahr für Mutter und Kind

Tritt der Blasensprung vor dem Wehenbeginn auf, spricht man von einem vorzeitigen Blasensprung, was bei Frühgeburten und Mehrlingsschwangerschaften sowie bei Erstgebärenden vorkommen kann. Tritt immer wieder Fruchtwasser aus, setzen irgendwann die Wehen ein. Der eigentliche Geburtsvorgang wird dadurch nicht gestört, es kann jedoch zu einer Infektion der Gebärmutterhöhle kommen mit Gefahr für Mutter und Kind. Gefahren für das Kind sind die Lebensschwäche infolge Unreife und Nabelschnurvorfall. Bei fieberfreiem Verlauf hängt das weitere Vorgehen vom Reifegrad des Kindes ab und ist immer ein Spagat zwischen drohender Infektion und Überlebenschancen für das noch unreife Kind. Tritt eine nicht beherrschbare Infektion mit Gefahr für Mutter und Kind auf, muss die Schwangerschaft durch eine Geburtseinleitung beendet werden.